Dieses Siegel ist ein, namentlich für seine Zeit, höchst seltenes „heraldisches“[421] Curiosum, dessen sichere Erklärung ohne erst noch aufzufindende gleichartige Beispiele wol schwerlich gelingen dürfte. Die einfachste Erklärung scheint mir vor der Hand die, daß eben der Herr Doctor bei dieser „heraldischen“ Zusammenstellung auf seinem Siegel mehr seinem eigenen Geschmack und seiner Phantasie, als dem gewöhnlichen heraldischen Stile seiner Zeit gefolgt ist.

Der Federbusch ist der Gäb’sche Helmschmuck, wie wir ihn auch auf einem Siegel des Ritters Steffan Geben v. J. 1351[422] finden. Der Zustand dieses letzteren Siegels läßt allerdings den Gegenstand zwischen Helm und Federbusch nicht mehr genau erkennen. Auf den Originalprunkhelmen Kaiser Frie drich’s IV. im bürgerlichen Waffenmuseum der Stadt Wien[423] sind sämmtliche Helmkronen gewöhnliche heraldische goldene sogenannte Königskronen, nur mit verschiedenem stilisierten Laubwerk.

Ob auf unserem Siegel nur aus Mangel an Raum[424] oder wegen der geistlichen Würde des Sieglers der Helm weggelassen und nur dessen Krone mit dem Kleinod gesetzt wurde, ist schwer zu entscheiden; jedenfalls ist dieses Verfahren zu jener Zeit eben so ungewöhnlich als heraldisch unrichtig und ganz unstatthaft. Denn so wenig die häufig als Helmschmuck vorkommenden Infuln, ohne den Helm, auf einen Wappenschild gesetzt werden dürften, — da ja das betreffende Wappen dadurch den Charakter eines bischöflichen annehmen würde, — eben so wenig ist dies mit allen den verschiedenen, im Laufe der Zeit vielfach und bis zur Unkenntlichkeit des ursprünglichen Originals metamorphosierten Hüten als Helmzierden der Fall.

Die „ heraldischen “ Kronen — bisweilen auch mit verschiedenen Farben tingiert — waren von jeher nur conventionelle „heraldische“ Formen mit mehr oder weniger constantem Typus in den verschiedenen Stilepochen. Sie haben mit den „wirklichen“ Kronen nichts gemein als den Namen, und letztere waren und sind stets Rangkronen, d. h. solche, welche den Stand ihres Trägers genau bezeichnen. In den Abbildungen mittelalterlicher Handschriften finden sich häufig Kaiser und Könige, wenn sie in voller Rüstung dargestellt werden, mit einer Krone auf dem Helme. Diese Kronen sind weder Helmkronen, noch Helmkleinode; sie sind nur dazu bestimmt ihren Träger kenntlich zu machen. So sehen wir u. A. Kaiser Heinrich VII. in einem Trierer Codex v. 1354, dem sog. Balduineum, mit einer Bügelkrone abgebildet.[425] Im Schlackenwerther Codex der Hedwigs-Legende v. J. 1353 ist der viermal auf einem Bilde dargestellte Herzog Heinrich, der Sohn der heil. Hedwig, in der Schlacht, in welcher er seinen Tod fand, einmal mit seinem (heraldischen) Helmschmuck abgebildet und dreimal, nach seinem Tode, durch den Herzogshut kenntlich gemacht.[426]

Wenn wir auch die Krone auf dem Haupte der Königinnen auf ihren Porträt-Siegeln seit dem 13. Jahrhundert[427] nicht als „heraldische“ Krone bezeichnen können, sondern als wirkliche Rangkronen, so müssen wir die Kronen auf den gleichartigen Siegeln der Fürstin Sophie von Rostock v. J. 1237 und der Gräfin Jutta von Sternberg v. ca. 1306[428] und anderen „symbolische“ nennen; denn „wirkliche“ Kronen gab es im Mittelalter nur zwei Gattungen: Kaiser- und Königskronen. Außer diesen gab es nur noch die sog. Kronen oder richtiger Hüte der Herzoge und Fürsten. Die regierenden Grafen führten bis in die neuere Zeit nur die „heraldische“ sog. goldene Königskrone, welche seit den letzten Jahrhunderten und bis zur Einführung der 5-, 7- und 9-perligen fremdländischen Kronen auch in Deutschland von allen adeligen Personen geführt wurden und zum Theil noch geführt werden.

Von „heraldischen“ Kronen gibt es vier Gattungen: I. Wappenbilder und Helmkleinode, II. Beizeichen, III. Helmkronen und IV. Rangkronen.

I.
Rangkronen als Wappenbilder
und
Helmkleinode
.

Fig. 2. Fig. 4.

Kronen kommen in Deutschland schon in der frühesten heraldischen Zeit vor, sowohl als Wappenbild, wie als Helmschmuck. Wir finden eine Krone z. B. bei Scharffenberg in der Züricher Wappenrolle, Nr. 53 (s. hier Fig. 2.) sowohl als Wappenbild im Schilde, als auch auf dem Helme als wirkliches Kleinod,[429] mit Federn geschmückt, wie so viele derartige. Hier ist die Krone im Schilde und auf dem Helme ebenso einfaches heraldisches Bild, wie der Helm im Helmshofen’schen Nr. 106 der Züricher Rolle (s. hier Fig. 4,) und der Hut in dem nicht bezeichneten Wappen Nr. 125 dieser Rolle. Im Wappen von Elsaß (bei Grünenberg Bl. IX.) sehen wir 6 Kronen im Schilde und dieselben 6 als Helmschmuck. Die 3 Kronen im Kölner Wappen, als Symbole der Kronen der „heil. drei Könige,“ sind allbekannt.

Schon seit der frühesten heraldischen Zeit hat es gekrönte Wappenthiere im Schilde und auf dem Helme gegeben. Wir erinnern nur an den böhmischen Löwen und an die vielen gekrönten Thiere in der Züricher Wappenrolle, welche sogar schon Luxus damit treibt, wie u. A. das Hohenlohe-Brauneck’sche Wappen (Nr. 459) beweist, welches in dieser Beziehung ein durchaus unrichtiges Unicum ist. Nach und nach kam aber mit den allgemein überhand nehmenden heraldischen Kronen die bis zum heutigen Tage verbreitete, ganz falsche Ansicht auf, als ob die gekrönten Wappenthiere vornehmer wären, als die nicht gekrönten. So findet sich auf zwei Hohenlohischen Siegeln von 1360 u. 1383, und zwar in zwei verschiedenen Linien,[430] als Helmschmuck ein gekrönter Adler, welcher weder vorher noch nachher im Hohenlohischen Wappen vorkommt und wol nur aus dem angeführten Grunde zu erklären ist.[431]