Es dürfte vielleicht von Interesse sein, den Inhalt der beiden, im Treppenhause des böhm. Landesmuseums befindlichen Steintafeln kennen zu lernen, der sich auf die Verkündigung der Baseler Compactaten in der bestandenen Fronleichnamskirche auf dem jetzigen Karlsplatze in Prag-Neustadt bezieht. Diese Kirche ward in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Gestalt eines sechseckigen Sternes erbaut und diente bis 1437 zur Ausstellung der Reichsheiligthümer, zu welchem feierlichen Akte immer eine zahlreiche Menge aus nah und ferne zusammenströmte. — Die letzte Ausstellung derselben, 12. April 1437, erhielt dadurch noch eine besondere Bedeutung, daß Kaiser Sigmund und Philibert, Bischof von Konstanz, Administrator des Prager Erzbisthums, Legat des Concils zu Basel, in Gegenwart der Stände Böhmens und einer unabsehbaren Menge hohen und niederen Standes in dieser Kapelle der ganzen Welt verkündeten, die Utraquisten seien wahre Söhne der Kirche. — Die beiden in Rede stehenden Steintafeln hatten den Zweck, diese hochbedeutsame Kundgebung, welche eine Periode voll der blutigsten Gräuel zum Abschluß brachte, der Mit- und Nachwelt zum ewigen Gedächtniß aufzubewahren. Die beiden Tafeln wurden kurz darauf verfertigt und die mit dem böhmischen Texte gegen Osten, über dem Fenster, die mit dem lateinischen Inhalt über einer Seitenthüre gegen Süden eingemauert. Die böhmische Inschrift lautet:

„Leta MCCCCXXXVII z Rozkazanie Cziesarze Zigmunda a Legatuow Basileyskych w tomto kostele ohlasseno Czesky Latinie Uhersky a Niemecky zze Czechowé a Morawane Tielo Bozie a Krew pod dwogi zpuosobu przigimagic gsu wierni křestiane a prawi synowé cierkwe,“ d. h. im J. 1437 ist auf Befehl des Kaisers Sigmund und der Baseler Abgeordneten in dieser Kirche böhmisch, lateinisch, ungarisch und deutsch verkündet worden, daß die Böhmen und Mährer, die den Leib Gottes und das Blut unter beiderlei Gestalten empfangen, rechtgläubige Christen und wahre Söhne der Kirche sind. Der lateinische Text lautet:

Anno dni MCCCCXXXVII feria VI. ante Tiburcii

Cesaris officio cum legatis Sigismundi

Lingwis hic quatuor sincera fides sacramenti

Bina sub specie mundo claruit sat aperte

Et sunt Katholici Christi calice potientes.

Von da an wurde in der Kirche regelmäßiger Gottesdienst gehalten und das Abendmahl unter beiden Gestalten gespendet, bis nach der Schlacht am weißen Berge die Reaktion eintrat und Kaiser Ferdinand dieselbe 1628 den Jesuiten einräumte, die gleich darauf die gegenüberliegende, prächtige Ignatiuskirche und das jetzt als Garnisonsspital dienende großartige Ordenshaus erbauten. In dem Besitze derselben blieb die Fronleichnamskapelle bis zur Aufhebung des Ordens unter Maria Theresia 1773. — Von da an nicht mehr zu gottesdienstlichen Handlungen benützt, wurde sie 1784 als Passagehinderniß, da sie sich mitten auf dem Karlsplatze befand, gesperrt und dem Prager Bürger Wenzel Sieber um 902 fl. verkauft. Dieser begann sofort mit der Demolierung, da er aber bei seinem kurz darauf erfolgten Tode kaum die Hälfte des Kaufschillings erlegt hatte, wurde sie 1791 nochmals feilgeboten und vom Stadtrath Adelbert Eisner Ritter v. Eisenstein erstanden, der sie vollends niederreißen ließ. Die beiden Steintafeln wurden der böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften zur Aufbewahrung übergeben, die sie am Eingange der Universitätsbibliothek aufstellen ließ. Da sie jedoch an diesem Orte leicht Beschädigungen ausgesetzt waren, wurden sie erst im Sitzungssaale dieser Gesellschaft im Carolinum (Universitätsgebäude) eingemauert, und als das böhmische Museum 1845 eine Stätte im ehemals gräfl. Jos. Nostiz’schen Palaste am Graben fand, wurden diese altehrwürdigen Zeugen einer der wichtigsten Epochen in der böhmischen Geschichte dorthin übertragen und im Treppenhause befestigt.

Prag.

Bruno Bischoff.