Es besteht wohl kein Zweifel, daß intellektuelle Genüsse befriedigender und nachhaltiger sind als sinnliche („sensual“) — oder selbst nur für die Sinne erkennbare („sensuous“). Und für die, welche sie erfahren haben, ist es ebenso sicher, daß geistliche Genüsse über intellektuellen, künstlerischen u. s. w. stehen. Es ist dies eine objektive Thatsache, die vollauf von jedem bestätigt wird, der die Erfahrung gemacht hat, und sie scheint anzuzeigen, daß die geistliche Seite des Menschen das Höchste in ihm, der Kulminationspunkt seines Wesens, ist.
Es ist vielleicht wahr, was Renan in seiner nachgelassenen Schrift sagt, daß es immer Materialisten und Spiritualisten geben wird, insofern man immer wird beobachten können, daß es kein Denken ohne Gehirn giebt, während andererseits des Menschen Instinkte immer nach einem höheren Glauben streben werden. Aber so muß es ja gerade sein, wenn die Religion Wahrheit ist, und wenn wir hier in einer Welt der Prüfung leben. Ist es nicht wahrscheinlich, daß der materialistische Standpunkt (der selbst von der Philosophie nicht mehr geachtet wird), nur einfach aus Gewohnheit und Mangel an Einbildungskraft entspringt? Woher käme sonst jener unausrottbare Instinkt?
Es ist viel leichter nicht zu glauben als zu glauben. Für die Vernunft liegt dies auf der Hand, aber auch für den Geist ist es so, denn nicht zu glauben entspricht dem Einfluß der Umgebung und der allgemeinen Gewohnheit der Menschen, während der Glaube eine geistliche (spiritual) Übung der Einbildungskraft fordert. Aus diesen beiden Gründen haben sehr wenig Ungläubige für ihren Unglauben irgend eine Entschuldigung, weder eine aus der Vernunft entspringende noch eine geistliche.
Der Unglaube stammt gewöhnlich aus Gleichgültigkeit, oft aus Vorurteil, und ist niemals etwas, worauf man stolz sein könnte.
„Warum ist es dir so unglaublich, daß Gott die Toten auferwecken kann?“ Ein reiner Agnostiker kann darauf offenbar keine Antwort geben. Aber er wird natürlich sagen: „Die Frage ist vielmehr, warum sollte es Euch glaubhaft sein, daß es einen Gott giebt, oder wenn es einen giebt, daß er Tote erwecken soll?“ Und ich denke, der weise Christ wird antworten: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten teils aus Gründen der Vernunft, teils aus innerer Anschauung (Intuition), doch vor allem aus beiden zusammen, mein ganzer Charakter nimmt so zu sagen das ganze Lehrsystem an, von dem die Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit einen Hauptteil bildet.“ Dazu können wir wohl noch hinzufügen, daß die christliche Lehre von der Auferstehung unseres Leibes nicht deshalb aufgestellt worden ist, um den modernen materialistischen Einwürfen gegen die Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit zu begegnen; daher ist es auch sicherlich sehr wunderbar, daß diese Lehre zu jener Zeit zusammen mit der anderen kaum weniger bezeichnenden Lehre von der Nichtigkeit des Körpers aufgestellt worden ist. Warum sagte man nicht, daß die Seele allein als ein entkörperter Geist leben bleiben würde? Oder wenn die Gestalt als notwendig erachtet wird, um den Menschen von Gott zu unterscheiden, — daß er ein Engel sein würde? Aber, wie dem auch sei, die Lehre von der Auferstehung ist dem materialistischen Einwurf gegen ein zukünftiges Leben durchaus zuvorgekommen, und hat so erst die spätere Frage hervorgerufen, mit welcher dieser Absatz beginnt.
Wir haben in der Einleitung gesehen, daß alle Hauptgrundsätze, selbst der wissenschaftlichen Thatsachen, durch Anschauung (Intuition), nicht durch den Verstand erkannt werden. Keiner kann dies leugnen. Nun also, wenn es einen Gott giebt, so gehört diese Thatsache doch sicherlich zu den ersten aller Hauptgrundsätze. Auch dies kann niemand leugnen. Niemand kann daher den zwingenden Schluß bestreiten, daß dann Gott, wenn es überhaupt einen Gott giebt, erkennbar sein muß und (wenn überhaupt erkennbar), durch Anschauung und nicht durch Vernunft. —
Es gehört wirklich nur wenig Nachdenken dazu, um zu zeigen, daß die Vernunft ihrer eignen Natur nach unfähig ist über diese Sache abzuurteilen, denn es ist ein Vorgang, bei dem man das Unbekannte aus dem Bekannten ableitet. —
Es wäre gegen die Vernunft selbst, wollte man voraussetzen, daß Gott, gerade wenn er existiert, durch die Vernunft erkannt werden könnte. Er muß, wenn er überhaupt erkennbar ist, durch Anschauung erkannt werden.[73]
Man beachte, selbst wenn Gott von sich eine objektive Offenbarung geben könnte, — d. h. wie die Christen glauben, daß es geschehen ist, — so würde auch dies an sich noch keine Erkenntnis von ihm bringen, ausgenommen für diejenigen, welche die Offenbarung eben für echt halten; und ich bezweifle die logische Möglichkeit, daß irgend welche Form objektiver Offenbarung zu dem Glauben an sie zwingen kann. Nein, wenn einer von den Toten auferstände, um dies zu bezeugen, so würde er es doch nicht vermögen, und auch Flammenbuchstaben vom Himmel könnten es nicht. Aber selbst wenn es logisch möglich wäre, so brauchen wir diese abstrakte Möglichkeit gar nicht in Betracht zu ziehen, da wir sehen, daß keine solche überzeugende Offenbarung gegeben worden ist. Daher ist die einzige berechtigte Stellungnahme der Vernunft der reine Agnostizismus. Dies kann niemand leugnen. Aber, wird man sagen, es besteht doch ein so großer Unterschied zwischen unserer intuitiven Kenntnis aller anderen obersten Grundsätze und der angeblichen Kenntnis des allerobersten Grundsatzes, nämlich der, daß der letztere eingestandener Maßen nicht allen Menschen bekannt ist. Gewiß, hier liegt in der That ein großer Unterschied; aber so muß es auch sein, wenn wir uns hier, wie erwähnt, in einem Stande der Prüfung befinden. Daß wir uns aber in einem solchen befinden, ist wie gesagt, nicht allein eine religiöse Hypothese, sondern auch die allein vernünftige Auslegung sowie auch die sittliche Rechtfertigung unseres Daseins als vernünftige und sittlich-handelnde Wesen.[74]
Es ist nicht nötig, wie J. S. Mill und alle anderen Agnostiker anzunehmen, daß, selbst wenn die innere Anschauung göttlichen Ursprungs wäre, die so gegebene Erleuchtung nur für den betreffenden Menschen als Beweis von Wert sein könne. Im Gegenteil; sie kann objektiv untersucht, wenn auch nicht subjektiv erfahren werden, und sie sollte doch auch von einem reinen Agnostiker, der von allen Seiten Erleuchtung ersehnt, schon deshalb untersucht werden. Selbst wenn er sie nicht als ein Noumenon erkennt, so kann er sie doch als ein Phänomen erforschen. Und angenommen, daß sie göttlichen Ursprungs ist, wie es die, welche sie erfuhren, glauben, und was zu bezweifeln er kein Recht hat, dann kann er noch mehr Beweisgründe dagegen, daß es eine bloß psychologische Täuschung sei, aus den übereinstimmenden Berichten aller Jahrhunderte erlangen. Wenn z. B. ein großer Teil der Menschheit Lichterscheinungen sehen würde, welche etwa von Magneten ausgehen, dann würde kein Zweifel an ihrem objektiven Vorhandensein bestehen.