Man könnte also fast sagen, um eines vollkommenen Rausches theilhaftig zu werden, muß man in südlichen Ländern gezogenen Hanf in südlichen Ländern nehmen.
Ich habe an anderen Orten meine an mir selbst angestellten Beobachtungen niedergelegt. Und wenn ich diesen im Jahre 1866 angestellten Versuch mit denen vergleiche, die Dr. Lay, Dr. Moreau, v. Bibra, Dr. Baierlacher u. A. vorgenommen, so kann ich nur bestätigen, daß in der Hauptsache meine Empfindungen mit denen der genannten Beobachter übereinstimmen.
Der wirksame Stoff in der cannabis indica ist ein von Gastinel hergestelltes und von ihm Haschischin genanntes Alcaloid von schöner grüner, jedoch nicht von Chlorophyll herrührender Farbe. Genommen wird Hanf in Theeform oder man pulverisirt die getrockneten Blätter und schluckt sie mit Wasser hinab, oder man raucht dieselben, oder sie werden zu einer mit Zucker und Gewürzen verarbeiteten Pastete, "Madjun" genannt, gegessen[24]. Letztere Form findet man nur in den Städten.
Fast in ganz Afrika wird vorzugsweise Hanf geraucht, wenigstens fängt man hiermit an; erst im zweiten Stadium wird Haschisch gegessen. Das Rauchen hat einfach deshalb nicht so großen Erfolg, weil selbst geübte Veteranen im Narghilerauchen es schwer vertragen, den beißenden und ätzenden Dampf durch die Lunge direct mit dem Blute in Berührung zu bringen. Es ist deshalb auch übertrieben, wenn einzelne Reisende berichten, es gebe Hanfraucher, die es bis auf 30 Pfeifen und mehr täglich bringen könnten. Abgesehen davon, daß die Haschischpfeifenköpfe nicht größer sind, als das Viertel eines Fingerhutes einer Dame, so ziehen die auf Hanf erpichtesten Raucher selten mehr als zwei bis drei Züge aus dem Pfeifchen, pausiren sodann lange Zeit oder lassen die Pfeife ausgehen, oder aber, wenn sie reich und großmüthig sind, reichen sie die Pfeife zum Mitrauchen einem Nebensitzenden.
Das wirksame Princip des Hanfes sitzt besonders in den Blättern und den feinsten Stengeln und zwar zu der Zeit, wenn der Same eben reif geworden ist. Im Samen selbst, der stark ölartig ist, scheint Haschischin wenig oder gar nicht enthalten zu sein; die Haschischesser werfen denn auch den Samen fort, wenn sie die Blätter bereiten. In den Ländern Afrika's, die ich durchreist habe, habe ich nie von einem Harz, "Churrus" genannt[25], welches aus den Blättern schwitzt, reden hören, noch habe ich es selbst zu sehen bekommen.
Die Wirkungen des Haschisch lassen sich dahin zusammenfassen, daß im Anfange bei kleinen Dosen die Eßlust stark angeregt wird, während fortgesetzter Gebrauch und große Dosen eine Störung aller Lebensprozesse im Körper bewirken. Wem cannabis indica zur Gewohnheit geworden ist, kann sich davon schwerer entwöhnen, als der Trunkenbold von alkoholartigen Getränken, der Opiophage vom Opium. Auf das Nervensystem wirkt nach den Resultaten der Versuche, die als glaubwürdig vorliegen, das Haschisch so, daß mit einer Erleichterung im "Fühlen alles Körperlichen" (man glaubt zu schweben) eine große momentane Gedächtnißstärke verbunden ist, man erinnert sich an Ereignisse, welche einem seit Jahren nicht mehr ins Gedächtniß gekommen sind. Und auch körperlich scheinen die Gegenstände sich zu vergrößern und zu verlängern: Straßen werden endlos, Häuser scheinen in den Himmel hineinzuragen. Dr. Mornau sagt treffend[26]: "Die Grenzen der Möglichkeit, das Maß des Raumes in der Zeit hören auf, die Secunde ist ein Jahrhundert und mit einem Schritte überschreitet man die Welt;" und weiter sagt derselbe Beobachter: "im Gehen sei ihm eine Straße unendlich verlängert vorgekommen." Ganz dieselben Beobachtungen habe ich auch gemacht.
Es kommen sodann schließlich bei geringstem Anlasse Sinnestäuschungen vor, eine unbemalte Wand erscheint in den schönsten Farben, das Gquieke einer Thür ertönt wie symphonische Concerte und wenn einerseits das Gedächtniß neu belebt erscheint, vergißt man oft bei einem ganz kurzen Redesatze den Anfang desselben, als ob man seit Stunden geredet hätte.
So achtungswerth aber auch die Namen gewisser Reisenden sind, so möchte ich nicht die Ansicht mit vertreten, daß Haschisch eine Wirkung hervorrufen könnte, einen Menschen, wie Treevelgar erzählt, in zehntägige Katalepsie zu versetzen. Dagegen finde ich den von O'Shangnessy[27] mitgetheilen Fall von einer durch Haschisch bewirkten vorübergehenden Katalepsie vollkommen glaubwürdig. Fallen doch fast alle veralteten Hanfesser in eine mehr oder weniger lange anhaltende Starrsucht.
Jedenfalls wird man nicht zu viel sagen, wenn man behauptet, daß die cannabis indica, eines der heftigsten Reizmittel, im Stande ist, nicht nur die herrlichsten Empfindungen, die bezauberndsten Bilder zu schaffen, sondern auch den Menschen gewissermaßen momentan der Erde zu entrücken, aber auch andererseits wegen des Giftes, das darin liegt, eines der gefährlichsten Präparate, das mit unwiderstehlicher Gewalt den Menschen, der sich ihm hingegeben, festhält und nach Kurzem tödtet.