[25] v. Bibra, S. 266.

[26] v. Bibra, S. 272.

[27] v. Bibra, S. 284.


8. Aufbruch zur Libyschen Wüste.

"Wie ein Afrikareisender mit einer Schlittenpartie seine Reise in die Libysche Wüste antritt", hätte ich dieses Mal mein Tagebuch überschreiben können. Das ist auch wohl noch nicht dagewesen, und doch,—denn als ich meine zweite Reise antrat, mußte ich ja auch nach einigen Tagemärschen, wenn auch nicht durch oder über Schnee, so doch daran vorbei und noch dazu in Afrika selbst, auf dem großen Atlas.

Diesmal galt es nun zwar nicht, den mit Schnee bedeckten Atlas zu übersteigen, sondern auf angenehmste Weise über den herrlichsten aller Alpenpässe zu kutschiren, über den Splügen. Am Morgen in der Frühe sollte es weiter gehen, und so geschah es auch. Eine ziemlich zahlreiche Reisegesellschaft, drei große Postwagen voll Menschen beiderlei Geschlechts, von jeglichem Alter, von jedem Stande. Ich hatte für mich einen Coupéplatz bekommen und Noël[28] im selben Wagen einen Interieurplatz. Neben mir (die Coupés haben nur zwei Plätze) saß noch eine junge Dame, ein Mädchen, ein Backfisch, ein Kind—eine jede dieser Bezeichnungen würde auf sie gepaßt haben—nicht hübsch, nicht häßlich, Schweizern, mit einer entsetzlichen Aussprache des Deutschen und ungemein schüchtern, verlegen und blöde. Der Backfisch, nennen wir sie so, war in Belfort in Pension gewesen, um Französisch zu lernen; unter der Zeit waren seine Eltern von der Schweiz, wo sie ansässig gewesen waren, nach Bergamo gezogen und jetzt, nach beendigtem Cursus, sollte der Backfisch wieder heim zu den Eltern. Und das ging ganz gut, wie ein Packet wurde er befördert. In Chur logirten wir z.B. im "Luckmanier" zusammen, der Backfisch wurde von der Wirthin empfangen u. Abends, als der Wirth gehört hatte, ich reise nach Italien, kam er zu mir, ob ich nicht den Backfisch unter meine Obhut bis Como oder Lecco nehmen wolle, dort würde er von verwandten Fischern in Empfang genommen werden. Natürlich sagte ich nicht "nein" und merkwürdig genug traf es sich, daß im Interieur eine nach—der Türkei, nach Trapezunt reisende Dame sich unter Noël's Schutz begab.

Ich unterlasse es, von den Schönheiten der Via mala zu sprechen, offenbar der schönste und großartigste Paß, der über die Alpen führt und welcher, da der Baumbestand aus Nadelhölzern besteht, zu jeder Zeit grün ist. Ja, ich möchte sagen, der naturschönheitliche Reiz wird im Winter eher erhöht, als vermindert durch die starken Contraste des blendendweißen Schnees und des tiefen, fast schwarzen Grüns der Fichten und Kiefern. Als sämmtliche Passagiere obligaterweise an der Stelle ausgestiegen waren, wo die Via mala am engsten ist und wo eine Brücke über den Schlund führt, die man auch Teufelsbrücke hätte nennen können, ging es weiter und Mittags erreichten wir Splügen.

Eine gemeinschaftliche Table d'hôte brachte alle Reisenden zusammen und der gute Veltliner Wein, wie das warme Zimmer führten eine recht animirte Unterhaltung herbei, denn zur Hälfte waren die Reisenden Italiener, welche, froh, bald die Grenze ihrer cara Italia erreicht zu haben, nicht verfehlten, ein Glas mehr, als gewöhnlich, zu trinken. Mit dem Orte Splügen hat man aber keineswegs die Paßhöhe erreicht. Im Gegentheil, jetzt beginnt erst das steile Steigen und eine Viertelstunde oberhalb des Dorfes fanden wir ein ganzes Schlittendepôt. Die Postkutschen wurden verlassen und je Zwei wurden in einen eleganten Schlitten gepackt; wir hatten die Schneegrenze erreicht. Natürlich geht dieselbe im December noch tiefer, bis Chur selbst, hinunter und fängt im Januar und Februar gar unterhalb Chur an, aber im November und October fällt Schnee nur bis Splügen und etwas oberhalb.

Hatten wir am Tage vorher abscheulich nebliges Wetter gehabt, so war unsere Via-mala-Tour, unsere Schlittenpartie über den Splügen, durch den sonnigsten, italienischen Himmel verherrlicht. Aber kalt war es. Trotz des Südwindes, der allerdings stundenlang über Gletscher und Schneefelder fegte, fror man bis auf's Innerste. Wie froh war ich, daß ich meinen grauen Mantel und die Pelzdecke mitgenommen hatte. Drei Stunden brauchten wir zu dieser Schlittenfahrt und man kann sich einen Begriff machen, welche Schneemassen im Laufe des Winters auf den Alpen angehäuft werden, wenn ich sage, daß wir manchmal Stellen passirten, wo der Schnee schon (durch Anwehen) 10-12' hoch lag. Auf der Südseite, noch mitten im Schnee, liegt die italienische Douane, während man die Grenze schon früher auf der Kante des Passes selbst passirt hat.