Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis auf welche Stufe der Neger sich in Cultur und Civilisation emporzuschwingen vermag, sobald er, von tüchtigen Missionen umgeben, in administrativer Beziehung sich selbst überlassen ist. Die Regierung selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat hier denn auch der Präsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europäische Mächte gerichtet sein könnte, wird immer noch vom government of the United States ausgeübt; nach Innen zu gegen die unabhängigen Neger ist Liberia vollkommen im Stande, sich selbst zu schützen und Achtung zu verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen übrigens die Herrschaft der Republik Liberia an, und über 25,000 Seelen davon haben die christliche Religion angenommen.

Auch hier war es leider nicht möglich ans Land zu kommen; die Stadt selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der Westküste von Afrika die schönste sein, und selbst die englische Stadt Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung übertreffen. Eine grosse Bucht vor dem Orte gewährt den grössten Schiffen vollkommene Sicherheit, und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der Königin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht hauptsächlich in Zucker, welcher mit dem grössten Erfolg von den Negern gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia für 150,000 Pfund Sterling Rohzucker ausgeführt.

Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajüte, während wir selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engländer sind viel zu vernünftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher Stubengelehrten, welche über Raçenunterschied ellenlange gehaltlose Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu können), dass an Bord vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefährte, war immer einer unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter.

Abends und Nachts hatten wir wieder das fürchterlichste Unwetter, von tropischen Regengüssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhüllt, man sah nur die unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Küste von Afrika hingeworfen erscheint. Früher war es jedenfalls eine Insel wie Fernando Po oder St. Thomas, erst später entstand durch Anschwemmung aus den beiden Flüssen Bokelli und Kates, die ihre Mündungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande. Sierra Leone oder das Löwengebirge ist nicht blos, weil es der bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels übertrifft Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westküste von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthümliche geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das schöne, städtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben.

Das Erste was sich unseren Blicken genauer präsentirte, ist ein kleiner Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen Grün für sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das prachtvolle Missionsgebäude der Engländer vor sich, von üppig prangendem Grün umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Löwengebirge hinaufgebaut.

Die vielfarbigen Häuser, meist von hochgiebeligen Dächern, was für ihr Alter spricht, überragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls, Brückenanlagen, welche über tief einschneidende Ravins führen, grossartige Kirchen und andere öffentliche Gebäude, als: der Sitz des Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitäler, einige Verschanzungen nach der Seeseite zu—dies Alles untermischt vom tiefen dunklen Grün der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken, schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrün emporschauen—dies imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt der englischen Besitzungen an der Westküste von Afrika vor sich hat. Im Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge, hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen Europäer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir schon anführten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der wunderherrliche Hafen, durch die Mündung des Sierra-Leone-Flusses gebildet. Was Grösse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen an der ganzen Küste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen die kleinen Canoes einen geschäftigen Verkehr, sowie mit der Stadt etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei.

Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine Anker fallen. Er hätte zwar noch näher ans Land gehen können, aber uns war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so weniger vom Gesammtbilde verloren.

Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst näher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief für Herrn Rosenbusch, der, Hamburger von Geburt, als holländischer Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses profitiren konnte; indess hatte ich später den Vortheil den Herrn kennen zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und überdies die Güte hatte, mich mit neuen Büchern, unter anderen dem ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen.

Freetown oder, wie man gewöhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone, obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat durchaus schwarze Bevölkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast gar nicht. Die Schwarzen, ursprünglich von freigelassenen Sklaven herstammend, welche die Engländer den Spaniern, Portugiesen und Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevölkerung, die man sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte. Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die Bevölkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstämmen dient. Es giebt hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegründet, und wie man mir sagte, machte eben die letztere verhältnissmässig am meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl möglich, denn sobald die Priester der römischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist, als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben desshalb eine grössere Anziehung ausüben muss. Kirchen und Schulen fehlen natürlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und Buchführer dieser Colonie sind an der ganzen Küste gesucht und bekannt. Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprünglich auf Kosten und Mühen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen Beruf durch die Verlockung, einen grösseren Gehalt zu bekommen, abwendig machen lassen, und so die Früchte einer langjährigen Arbeit für die Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen, weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuniär bedeutend geringer gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten der ersteren sein dürfte.

Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit angelegt, dennoch könnte man mehr für den Gesundheitszustand derselben thun, wenn man die breiten, mit hohem Gras, Gebüsch und Palmen bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege böser Ausdünstung sein müssen, verschwinden lassen würde. Zudem, da Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Häuser sind meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie früher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies mit weissen Glacéhandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast alle haben nach neuester Mode eine Brille über dem Nasenrücken, oder doch an einem Bändchen herunterhängen, viele haben einen Fächer; die Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor dem europäischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu können, wesshalb die Haken und Oesen zum Aufhängen des zu Langen in Sierra Leone auch nie werden eingeführt werden—oder kurze Röckchen, wobei natürlich das schwarze Beinchen durch blendend weisse Strümpfe und Schnürstiefelchen mit chinesischem Absatz zu einem vollkommenen Pariser umgewandelt wird. In den Cafés sieht man ältere und gesetztere Neger, oft schon weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das Thermometer zwischen 20 und 25° schwankt, kann man sicher sein, wie Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner junger Engländer, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhält sich vielleicht mit einer schwarzen Schönen vom Balle am vergangenen Abend, ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen Blondköpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht selbst Verse improvisirend.