Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden ist überall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir können aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer verdunstet ist, oder ob sich der Küstensaum, der von Unter-Aegypten nach Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser verdunstet hat—so viel beweisen die Millionen Meeresüberreste, dass hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch früheren Periode muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn überall trifft man versteinerte Baumstämme, oft ganze Wälder, und zwar gerade von den Bäumen, die in der Nordwüste noch jetzt am häufigsten sind, Palmen und Tamarisken.
Als vor Kurzem zuerst über diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las man in verschiedenen französischen Blättern, Lesseps ginge damit um, den Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, dass Lesseps an solche unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der grossen Syrte aus würde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt fertig ist, kaum den Weg abkürzen. Und wie wurden die Projectenmacher denn den Nil vermeiden? Würde man darüber oder darunter schiffen oder vielleicht den Nil in den Kanal münden lassen? Man würde damit den fruchtbarsten Theil von Unterägypten, das Delta, zur Wüste machen. Ebenso lächerlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil würden nicht ausreichen, um dies von Salz durchtränkte Terrain süss zu machen, und der Nil hat nun eben nicht überflüssig Wasser, als dass man nur daran denken könnte, einen so grossen Theil der Wüste damit zu entsalzen.
Ganz anders verhält es sich, falls man die Dämme durchstechen wollte, welche jetzt das Mittelländische Meer von dieser grossen Niederung trennen, und am leichtesten könnte dies von der grossen Syrte aus geschehen. Man denke sich Cyrenaica als Insel oder nur durch einen schmalen Isthmus mit Aegypten zusammenhängend, im Süden ein Meer welches die grössten Schiffe bis Fesan, vielleicht bis Uadjanga würde bringen können. Welche Umwälzung! Damit würde Innerafrika erschlossen sein, Innerafrika, welches an Naturproducten weder hinter Indien noch den fruchtbarsten Provinzen von Amerika zurücksteht. Natürlich müsste vor der Hand erst festgestellt werden, wie weit die Depression nach Süden geht, die Syrtenwüste und die libysche Wüste müssten einer genauen Untersuchung und Messung unterzogen werden. Denn nur, wenn man einen grossen See bis an das Harudjgebirge, bis Kufra oder Uadjanga bilden könnte, würde ein Durchstich lohnend sein. Vergeblich aber ist es, blos um einen schmalen Arm zu füllen, einen Durchstich zu beginnen, kaum würden die Wasser Kraft genug haben, durch die Ausdünstung an beiden Seiten der Wüstenufer eine spärliche, unnütze Vegetation hervorzurufen und für Handel und Schifffahrt gar kein Gewinn dabei herauskommen. Aber auch ohne menschliches Zuthun wird mit der Zeit diese Gegend wieder unter Wasser sein, die grossen Wellenbewegungen der harten Erdkruste sind nirgends deutlicher zu beobachten, als an diesem Theile des Mittelländischen Meeres, seit 30 Jahren hat sich von Tripolis bis nach Bengasi das Ufer fast um einen Fuss gesenkt, die alten Quais von Oea (Tripolis) Leptis magna und Berenice (Bengesi) sind längst unter Wasser, und während vor 25 Jahren ein für Jedermann passirbarer Weg ausserhalb der Mauern von Tripolis längs des Meeres ging, ist heute selbst bei niedrigstem Wasserstande dort keine Passage mehr.
FUSSNOTEN:
Mit Ausnahme der Spanier, welche in der Provinz Oran angesiedelt sind und die, weil im beständigen Rapport mit ihrem Vaterlande, Sprache, Sitten und Tracht Spaniens treu beibehalten haben.