Der Sultan von Marokko als Nachfolger des Kalifats von Cordova erkennt aber keineswegs die Oberherrschaft des Sultans der Türkei an, und eben so wie die Kalifen von Spanien ihre Unabhängigkeit von den Abassiden aufrecht zu erhalten wussten, hat nie irgend ein marokkanischer Herrscher des Sultans der Türkei Oberherrlichkeit anerkannt. Im Gegentheil, die jetzige Dynastie der Kaiser von Marokko, die sogenannte zweite Dynastie der Schürfa, proclamirt laut und feierlich, dass sie die allein rechtmässigen Herrscher aller Gläubigen seien, eben weil sie Abkömmlinge Mohammeds sind. Der Sultan von Marokko betrachtet den Sultan von Constantinopel als einen Usurpator, der nicht einmal arabisches Blut, geschweige das "unseres gnädigen Herrn Mohammed" in seinen Adern habe.

Der echte Marokkaner, wenn er auch das arabische Volk als das bevorzugte, das von Gott auserwählte und besonders beschützte betrachtet, erkennt keineswegs Nationen an. Für ihn giebt es nur Mohammedaner, oder wie er selbst in römischer Ueberhebung sagt, "Rechtgläubige Moslemin", Juden, Christen und Ungläubige. Zu den letzteren rechnet er alle solche, die kein "Buch", d. h. die keine göttliche Offenbarung bekommen haben.

Da nun aber von solchen, die ein "Buch" haben, im Koran nur die Juden und Christen erwähnt sind, so werden die Wedas der Inder, die Kings (Bücher des Confucius) der Chinesen und andere als nicht vorhanden betrachtet, und in Marokko gar hat man die Vorstellung, dass die durch "Tausend und eine Nacht" bekannten Länder Hind (Indien) und Sind (China) ausschliesslich den Islam bekennen.

Von den vier rechtmässigen und gleichberechtigten Bekennern des Islam, den Hanbaliten, Schaffëiten, Hanefiten und Malekiten, huldigen die Marokkaner wie in Afrika alle Mohammedaner mit Ausnahme der Aegypter, dem malekitischen Systeme. Für diejenigen, welche weniger mit dem Mohammedanismus bekannt sind, führe ich hier an, dass man schon gleich nach dem Tode des Propheten einzusehen angefangen hatte, dass der Koran unmöglich allein allen religiösen Anforderungen, allen Rechtsfragen entsprechen konnte. Im Anfange der mohammedanischen Religion begnügte man sich damit, zweifelhafte Fälle durch Mohammed selbst oder seine Jünger entscheiden zu lassen. Nach des Propheten Tode, nach dem seiner Jünger, sammelte man dann die mündlichen Ueberlieferungen; es ist das die Sunnah, welche im ersten Jahrhundert nach der Hedjra entstand.

Da nun aber noch keineswegs Koran und Sunnah ein regelmässiges System boten, so fühlte man die Notwendigkeit, für Theologie und Jurisprudenz einen solchen festen Anhalt zu bilden, und vier Schriftgelehrte unternahmen diese Arbeit. Jeder lieferte eine Abhandlung über die religiösen Ceremonien, über die Grundsätze, wonach der Moslim sein häusliches Leben einzurichten hat, und sie sonderten die Scheria, d. h. das von Gott selbst gegebene unabänderliche Gesetz, von dem, welches nach dem Willen und Gutdünken der Menschen abgeändert werden kann. Die Abhandlungen dieser vier Schriftgelehrten, obschon sie in vielen äusserlichen Sachen von einander abwichen, wurden alle als orthodox anerkannt und sie bekamen den Namen nach ihren Urhebern.

Der Malekitische Ritus nun (Malek ben Anas wurde 712 in Medina geboren, woselbst er 795 starb) verdrängte im Westen von Afrika gegen das Ende des achten Jahrhunderts den Hanefitischen Ritus, und dieser hat sich dort bis auf unsere Zeit erhalten. Neben Malek und hauptsächlich als bester Erklärer der Malekitischen Schriften gilt das Werk von Chalil ben Ischak ben Jacob, der 1422 starb, und aus einer Menge anderer Schriften über Malekitischen Ritus seine Werke zusammengesetzt hat. Sehr hoch gehalten werden in Marokko auch die Schriften des Buchari, der 200 Jahre nach Mohammeds Tode schon die Ueberlieferungen sichtete und von 7275 für wahr gehaltenen und 2000 zweifelhaften mehr als über 2000 falsche ausstiess.

Der Unterschied der Malekiten von den übrigen drei rechtgläubigen Parteien beruht nur auf Aeusserlichkeiten, so namentlich in der Verrichtung bei den Ablutionen, in den Bewegungen beim Gebet, endlich hat Malek vor seinen gelehrten Collegen den Vorzug, dass er denen, die seine Religionsregeln befolgen, entschiedene Erleichterungen gewährt.

Das Sultanat von Marokko als solches wurde gegründet nach dem Untergange des Königreichs von Granada am 2. Januar 1492, als Ferdinand auf der Alhambra die Fahne von Castilien und des heiligen Jacob aufziehen konnte. Das westliche Kalifat war nun begraben, aber als Erben desselben betrachteten sich von dem Augenblicke an die Sultane von Marokko. Wenn dann noch später bis zur eigentlichen Vertreibung der Mohammedaner aus Spanien ein inniger Zusammenhang mit den afrikanischen Glaubensgenossen blieb, so hatte doch jeder politische Zusammenhang, wie früher schon oft, seit 1492 gänzlich zu existiren aufgehört. Marokko selbst hatte auch freilich nicht die Grenzen, welche es jezt [jetzt] inne hat, seine Ausdehnung wechselte je nach der Macht der regierenden Sultane. Einzelne dehnten ihre Oberhoheit durch die Sahara bis Timbuctu und Senegambien hin aus, und Mascara und Tlemçen haben häufig genug die Oberherrlichkeit derselben anerkannt. Oftmals aber regierten drei Könige oder Sultane neben einander, daher die Namen Königreich Fes, Tafilet, Marokko. Nie aber, wir betonen es, namentlich weil jetzt die Pforte auch die Souveränetät über Marokko beanspruchen zu wollen scheint, ist im eigentlichen Marokko, d. h. westlich von der Muluya, irgend wie oder irgend wo ein türkischer Pascha als Regent seines Herrn, des Sultans der Türken, gesehen worden.

Im Allgemeinen sind die Begriffe des Volkes von der mohammedanischen Religion äusserst oberflächlich und verworren. Der gemeine Mann giebt sich auch gar keine Mühe, in das Wesen des Islam einzudringen, und was die Faki und die Tholba, d. h. die Doctoren und Schrifgelehrten [Schriftgelehrten], anbetrifft, so sind diese in Marokko auf einer bedeutend tiefer stehenden Stufe der Gelehrsamkeit, als in den meisten anderen Ländern, wo der Islam herrscht.

Die Lehre von der Prädestination zieht sich auch in Marokko durch die ganze religiöse Anschauung hin: "Es stand geschrieben," dass an dem Tage der und der sterben muss, "es stand geschrieben," dass der und der das Verbrechen beging etc. Es würde indess lebensgefährlich sein, einem Thaleb zu sagen: Da Gott allmächtig ist und Alles erschaffen hat, so hat er doch auch den Teufel geschaffen; oder, der Teufel als gefallener Engel hat doch nur mit Wissen und Willen Gottes fallen können. Man würde in Gefahr sein, verbrannt zu werden, wenn man einem Faki sagte: Da Gott Alles geschaffen hat, so muss er doch auch das Böse, die Sünde, geschaffen haben; wie erklärst Du das mit der Allgute Gottes, Gottes, welcher doch nur der Inbegriff alles Guten sein soll? Ein marokkanischer Geistlicher würde nicht antworten "mit unerforschlichen Geheimnissen", die wir nicht zu ergründen vermögen, sondern gleich mit "Feuer und Schwert".