Aber auch der Kaiser von Abessinien war nicht unthätig gewesen. Boten, welche das Land durchzogen, die Priester in den Kirchen riefen und predigten zum Kampf für das Vaterland gegen die ungläubigen Mohammedaner. Durch Herolde liess der Kaiser verkünden, es gelte, die Frauen und Töchter zu schützen, welche die Aegypter in ihre Harems schleppen wollten; Männer und Jünglinge sollten zum Schwert greifen, um die Bibel gegen den Koran zu vertheidigen. Und alle folgten dem Rufe. Auch der mächtige Ras Adal kam mit seiner ganzen Armee. Ganz Abessinien erhob sich, die Gefahr hatte alle geeinigt. Selbst Menelek von Schoa, der doch eben erst ein Bündniss mit Aegypten abgeschlossen, wagte nicht, sich der allgemeinen Strömung entgegenzusetzen, und wenn er auch nicht selbst kam, so schickte er doch Truppen, Geld und Vorräthe. Der Chedive hätte dem Kaiser Johann keinen grössern Gefallen thun können als mit diesem zweiten, ohne Ursache, ohne jeglichen Grund unternommenen Einfall. Zum ersten mal, seit Hunderten von Jahren, stand das Aethiopische Reich geeint da, einem einzigen Führer, dem Negus Negesti gehorchend.
Der Negus verfügte über ca. 200000 Bewaffnete: in der That eine Achtung gebietende Macht, wenn man bedenkt, dass Abessinien kaum 1,500000 Einwohner haben dürfte; dass das Land keine Wege und Stege besitzt; dass die Verbindungen sehr schwierig, oft durch reissend und tief gewordene Ströme ganz unmöglich geworden sind. Und in kurzer Zeit geschah die Zusammenbringung so vieler Krieger! An Geschützen besass Johannes etwa ein Dutzend, mit Gewehren Bewaffnete etwa 10000, alle übrigen hatten nur Lanzen[39], Schwerter und Schilde. An Pferden (Cavalerie) standen dem Kaiser höchstens einige hundert zu Gebote. So vorzüglich die abessinischen Pferde und namentlich so billig sie sind, so gibt es doch keine eigentliche Cavalerie. Dem gegenüber standen 20000 mit Remington bewaffnete, aufs vorzüglichste ausgerüstete und eingeübte[40] ägyptische Soldaten. 24 Geschütze vertheidigten das Fort von Gura, es war natürlich Feldartillerie. Cavalerie hatten die Aegypter nicht mit heraufgebracht. In dieser Beziehung also standen beide Armeen sich gleich.
Aber die Abessinier waren elektrisirt durch den Gedanken an die Vertheidigung ihres Vaterlandes, ihrer Frauen, ihrer Kinder, und fanatisirt durch die Aussicht, gegen die Ungläubigen kämpfen, für die christliche Religion sterben zu können.
Die Truppen lagen sich eine Zeit lang unthätig gegenüber, nur hin und wieder fanden kleine Scharmützel statt, welche bald mit dem Siege der einen, bald mit dem der andern Partei endeten. Und die Sache hätte für die Abessinier sehr schlimm werden können, wenn die Aegypter ruhig und defensiv in ihrem Fort geblieben wären. Die Einnahme desselben durch Sturm war einfach unmöglich.
Da geschah das Unglaubliche, dass Prinz Hassan am 7. März die Truppen ausrücken und angreifen liess. Der blutigste Kampf entspann sich, ein Kampf, wie er wol nie in Abessinien ausgefochten ward. Solche Feinde hatten sich nie gegenübergestanden. Selbst die Schlachten zur Zeit der Portugiesen und des Sultans Mohammed Granje waren nichts dagegen. Die Aegypter, abgedrängt von der Festung, von der kolossalen Uebermacht fast erdrückt, kämpften wie Verzweifelte. Die Aussicht, entmannt und getödtet zu werden, machte sie tapfer. Sie wussten, es galt siegen oder sterben. Aber immer mehr schmolzen die Aegypter zum Häuflein zusammen. Zwanzig Bataillone waren bis abends niedergemetzelt, und wenn die Abessinier auch den doppelten Verlust erlitten: sie konnten stets die empfindlichen Lücken, welche das Schnellfeuer der Aegypter in ihren Reihen anrichtete, wieder ausfüllen. Der Prinz Hassan war überall. Tapfer focht er wie ein gemeiner Soldat, zwei Pferde wurden ihm nacheinander unter dem Leibe erschossen. Ebenso aber wusste der Kaiser von Abessinien durch sein persönliches Eingreifen seine Leute zu entflammen. Zuletzt nur noch ein Morden und Schlachten, denn nachmittags war man handgemein geworden. Die Abessinier sowol wie die vom Fort abgedrängten Aegypter hatten sich verschossen. Beiden Theilen fehlte die Munition.
Endlich gegen Abend gelang es Prinz Hassan, mit einigen Bataillonen trotz der Terrainschwierigkeit das Fort wiederzugewinnen. Die Abessinier aber drängten nach. Welche Nachlässigkeit! Der Festungscommandant, der es versäumte, gleich mit Kartätschen dareinzuschiessen, auch auf die Gefahr hin, 50–100 Aegypter mit tödten zu müssen, um durch Schnell- und Massenfeuer den Abessiniern den Eingang zu verwehren!
Kaum gelang es dem Prinzen Hassan, mit einigen hundert Mann sich in einen im Fort befindlichen Reduit zu flüchten. Hier befand er sich vorläufig in Sicherheit, hier hatte er noch einige Geschütze, Waffen, Munition, Lebensmittel, nur kein Wasser. Aber es war Nacht geworden, und so konnte er nicht verhindern, dass man alle übrigen Truppen abschlachtete, dass die Kanonen des Forts, die Lebensmittel, die Munition in die Hände der Sieger fielen. Ungefähr 50000 Menschen bedeckten das Schlachtfeld, einige leicht, einige schwer verwundet. Alle Lebenden wurden entmannt. Die Todten waren glücklicherweise die Mehrzahl. Der Kaiser von Abessinien hatte am 7. März 1876 den vollkommensten Sieg erfochten und eine der grössten Schlachten geschlagen, die je in Abessinien stattfanden.
Prinz Hassan fing sogleich Unterhandlungen an. Er erbot sich, bei seinem Vater die Abtretung von Bogos und Mensa zu erwirken, ein hohes Lösegeld zu zahlen. Aber der Negus, welcher mittlerweile das Fort wieder hatte räumen lassen, verlangte unbedingte Unterwerfung. Er liess das Fort räumen, weil bei Tage Prinz Hassan aus dem Reduit ihn hätte beschiessen können. Ausserdem war der Prinz wegen Wassermangels zur baldigen Uebergabe gezwungen. Mit dem Sohne – dem Lieblingssohne – des Chedive in Händen, hätte der Negus alles erlangen können[41]: Massaua, die Ansley Bai, Kassala, Gedaref, Harar, kurz alles, was die Aegypter den Abessiniern seit Theodor’s Tod abgenommen hatten. Aber an Unterwerfung dachte Prinz Hassan nicht. Vielleicht fürchtete er einen erzwungenen Uebertritt zum Christenthum oder das noch schlimmere Schicksal seiner meisten Kameraden, obschon mit Unrecht, denn der Kaiser, so unerbittlich er sich gegen die übrigen Aegypter gezeigt, würde doch das Leben und die Gesundheit des Sohnes des Chedive geschont haben.