17Es würde überhaupt zu weit gehen, zu sagen, „der Franzose versteht ganz und gar nicht zu colonisiren“. Der französische Bauer ist, namentlich der aus dem Norden, ebenso fleissig, wie andere, und die Bearbeitung wird von den einzelnen ebenso rationell betrieben, wie von uns. Auf den meisten grösseren Farmen wird jetzt Dampf als Hauptarbeitungsmittel angewendet, und die Irrigationen, welche man in Algerien findet, sei es durch Canalisation oder durch das Noria-System, sind bewundernswerth. Will es trotzdem mit der Colonisation nicht recht vorwärts gehen, so liegt das theils an der Militär-Administration, theils an der Einrichtung der Bureaux arabes, welche die Eingeborenen fortwährend auf Kosten der Europäer bevorzugen. Strassen durchziehen sonst nach allen Richtungen das Land, und die Hauptörter werden demnächst durch Eisenbahnen miteinander verbunden sein.

Der Garten ist gross und gut gehalten, und birgt in seinem Innern ein kleines naturhistorisches Museum, das indess nichts besonderes aufzuweisen hat. Ein alter römischer Sarkophag, erst kürzlich hieher gebracht, ist die einzige Reliquie des Alterthums, die man hier aufbewahrt, obschon sonst die Gegend an Ueberresten der Phönicier, Carthager, Römer und Byzantiner überreich ist.

Durch einen glücklichen Zufall erfuhr ich, dass General Faidherbe hier stationirt war, er war es eben, der den Sarkophag hieher hatte transportiren lassen. Die 18Bekanntschaft dieses ausgezeichneten, so hoch um die Geographie von Afrika[2] verdienten Mannes musste also rasch gemacht werden, und ich liess mich auf das Hôtel der Subdivision, welche Hr. Faidherbe jetzt commandirte, führen. Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie zuvorkommend ich vom General empfangen wurde, ich durfte ihn natürlich während der Stunden meines Aufenthaltes nicht mehr verlassen, und nach dem Frühstück hatte er die Güte, mich nach den sehenswerthesten Ruinen der Umgegend zu führen, hauptsächlich zu den grossen Cisternen, oder vielleicht waren es Bäder, an deren oberen Partie man dem heiligen Augustin ein hübsches Denkmal errichtet hat. General Faidherbe, der lange Zeit am Senegal Gouverneur war, theilte vollkommen meine Ansicht, dass die Neger, wenigstens die nördlich vom Aequator, ein viel besseres Naturell als die Araber hätten, und für Cultur und Civilisation weit empfänglicher als diese seien. Er hat sich hauptsächlich mit ethnographischen Studien beschäftigt und wir verdanken ihm manche wichtige Aufschlüsse über die Pullo und namentlich verschiedene Berberstämme. Herr Faidherbe war so aufmerksam, mich bis an Bord zurückzubegleiten, und so konnten wir bis zum letzten Augenblicke zusammen sein. Gastfrei, zuvorkommend und liebenswürdig, das sind Eigenschaften, 19welche man nirgends so sehr wie bei den Franzosen antrifft.

Die Fahrt nach Tunis ging glücklicherweise rasch von Statten, schon andern Morgens ankerten wir vor der Goletta. Nach einem Augenblick kam der Canzler des preussischen Consulats an Bord, um mich in Empfang zu nehmen; denn um nicht die Unannehmlichkeiten der Tuniser Douane durchmachen zu müssen, hatte ich von Bone aus telegraphirt und um den Consulatskavassen gebeten. Nicht nur brachte der Canzler einen Kavassen mit, sondern auf Befehl des Bei von Tunis hatte der Admiral des Hafens von Goletta eine Barke zur Disposition stellen müssen, um uns an's Land zu rudern. Ohne weitere Formalitäten konnte also gleich das Ausbarkiren vor sich gehen, und die zehn Marine-Soldaten brachten uns rasch an's Land. Ich bemerkte hier, dass die tunisische Flage nicht die des Sultans der Türkei ist, während dieser nämlich einen weissen Halbmond und Stern im rothen Felde führt, hat der Bei von Tunis im rothen Felde eine weisse Kugel, und darin einen rothen Halbmond und einen rothen Stern.

Gelandet, mussten wir dann dem Admiral aufwarten, und machten da zugleich die Bekanntschaft des englischen Generalconsuls, Hrn. Wood, und des französischen Viceconsuls von Goletta. In Tunis ist man schon von der Sitte des Kaffee's und Tschibuks abgekommen, eine Visite 20verläuft dort bei den höheren Beamten oder bei dem Bei jetzt mit derselben Steifheit wie bei uns.

Bei den Türken und namentlich in den türkischen Provinzen herrscht aber noch die gute alte Sitte einer Tasse Kaffee, und ein Tschibuk oder eine Wasserpfeife fehlen nie. Es ist dies aber nicht die einzige Umwälzung, die in Tunis vor sich gegangen. Seit der Mission des Lords Exmouth nach Tunis, und seit dem Ultimatum, welches die Grossmächte von Aachen aus am 18. Novbr. 1818 an Tunis richteten, und das im folgenden Jahre am 21. Septbr. durch die englischen und französischen Admirale Freemantle und Jurien dem Bei notificirt wurde, schaffte man zuerst die Piraterie ab. Mahmud Bei gab nach, und seit der Zeit sehen wir gewaltige Veränderungen in der Regentschaft vor sich gehen.

Es ist wahr, dass mit dem Vorfahren der jetzigen Dynastie, Hussein ben Ali, welcher am 10. Juli 1705 auf den Thron kam, eine neue Epoche im Staatsleben der Regentschaft begann; denn vorher, und dies ist wichtig zu notiren, hatten alle Regenten von Tunisien den Titel Dei geführt, während Hussein ben Ali zuerst den Titel Bei annahm. Dei nun bedeutet den nicht vollkommen unabhängigen Herrscher, während Bei, welches ausserdem einen sehr weiten Begriff hat, als Regent mit Ausschluss eines jeden andern, die Vollheit der Autorität in sich begreift. Wenn nun auch in der Reihe der Regenten, welche von Hussein-ben-Ali (der, beiläufig gesagt, 21der Sohn eines griechischen Renegaten war) bis auf den jetzigen Bei, Namens Sadduk, bei Zwistigkeiten, früher mit der Regierung des Deis von Algier, später mit christlichen Mächten, manchmal die hohe Pforte um Intervention angegangen wurde, ja im Kriege gegen Russland das tunisische Gouvernement es sich nicht nehmen liess, der Türkei ein Hülfsheer zu senden, so sieht man immer doch, dass die Regierung in dem Sultan der Türken nur eine Art spirituelle Suprematie erkennen, keineswegs aber von ihm abhängig sein will.

Seit dem Anfang des 18ten Jahrhunderts ist denn auch gar kein Tribut mehr nach Konstantinopel bezahlt worden, und die Nachfolge in Tunis geht ganz ohne Einmischung der Pforte vor sich. Nach Eroberung von Algerien hat keine Macht die Unabhängigkeitsgelüste von Tunis so sehr unterstützt und befördert wie Frankreich, und keine Macht hat dieselben so viel wie möglich einzuschränken gesucht als England. Ersteres Land ging dabei von dem Grundsatz aus, dass ein kleines unabhängiges Land, noch dazu nächster Nachbar, im gegebenen Augenblick leichter zu nehmen sei, als wenn ein gewisses Abhängigkeitsverhältniss zu einem andern Staat, und hier zur Pforte, bestände. Und aus eben diesem Grunde hat England die Beziehungen von Tunis zur Türkei wieder enger zu machen versucht.

Tunis, das gerne vollkommen unabhängig sein möchte, zugleich aber auch das Gefährliche einer solchen Lage 22Frankreich gegenüber erkannt hat, schwankte in den letzten Jahren von einer Seite zur andern, dazu kam die schreckliche Finanznoth, welche freilich noch nicht beseitigt ist.

Es scheint aber, dass jetzt die Regierung von Norddeutschland im Verein mit England und Italien den französischen Planen gewachsen ist, ohne dass Tunis genöthigt wäre, sich wieder in die Arme der Türkei zu werfen. Wenigstens wurden die letzten Anschläge der französischen Regierung in Betreff der Schuldforderung von diesen drei Mächten hintertrieben; ohne die kräftige Intervention von England, Norddeutschland und Italien wäre Tunis heute eine französische Präfectur und zwar auf ganz friedlichem Wege geworden. Wenn man aber bedenkt, wie wichtig strategisch Tunis für das mittelländische Meer gelegen ist, und was Frankreich durch den Zuwachs einer solchen Provinz gewonnen hätte, dann kann man sicher nicht genug darauf bedacht sein, eine Vergrösserung Frankreichs nach dieser Seite hin zu verhindern.