Von hier an gingen wir selben Tages noch fünf Stunden S.-S.-O. weiter, passirten nach zwei Stunden den Tafra-Brunnen, der wie alle folgenden Bitterwasser hat, liessen nach etwa einer Stunde den vereinzelten Hügel Karassa, der als Allem oder Wegweiser dient, liegen und lagerten Abends am Chor-Shofan. Die sehr schwache Bevölkerung wird von den uled Schich und den Schibli gebildet. Die Vegetation hört fast ganz auf, in der That hatten wir mit Chor-Shofan die Grenze des Mittelmeer-Niederschlags erreicht, der Floh hört auf der beständige Begleiter des Menschen zu sein. Wie mit Zauber ist er verschwunden, heute wird man noch von ihm gequält, morgen hat er uns verlassen. Die Araber sagten zwar, anderes Ungeziefer würde auch das Weite suchen, aber ich wusste aus langer Erfahrung, dass die noch lästigeren Collegen des Floh die Wüste, den Samum, 41die trockne Hitze nicht scheuen. Im Gegentheil! Vom Chor-Shofan fängt dann nun auch die Sahara an.

Auch am folgenden Tage hielten wir S.-S.-O.-R., und um 6 Uhr Morgens aufbrechend, brachte uns der Allem (Wegweiser) el Dürr auf den vom Brunnen Alaya kommenden Weg. Und eine Stunde Frühstücksrast abgerechnet, durchschritten wir um 2 Uhr den ned Fareg. Es ist dies eigentlich kein Thal oder Flussbett, sondern eine von Westen nach Osten streichende Einsenkung ohne Abdachung. Nach Westen geht die Fareg-Einsenkung drei Tagemärsche weit bis zum Ras el ain el kebrit, und zwei Tagemärsche vom Punkt, wo wir Fareg passirten nach Osten; da wo wir die Einsenkung passirten, liegt der Brunnen Besseria[21]. Das südliche Ufer vom Fareg heisst Diffa el uadi (Gastmahl des Thales) und eine Menge Steinhaufen, Bu-Sfar genannt, sind zum Andenken für die errichtet, welche sich dem Gebrauche hier ein Extraessen zu geben, entzogen. Solche Steinhaufen, welche Gräber vorstellen sollen, findet man an gewissen Stellen in der ganzen Sahara. An solchen Stellen muss nämlich ein des Weges zum ersten Male durchziehender, seinen Cameraden, welche die Reise schon gemacht haben, einen Extraschmaus geben, thut 42er es nicht, so errichtet man ihm einen Steinhaufen, ein Grab, zum Zeichen seines Geizes. Da nun aber solche Stellen sehr häufig vorkommen, so hatte ich ein für allemal die Gewohnheit mich begraben zu lassen und legte zuerst gewöhnlich den Stein; ausser unserem Führer, dem Diener des Mudir von Audjila und meinem Neger Bu-Bekr, hatte Niemand von uns den Weg zurückgelegt, wir liessen uns also alle begraben, wie auch später noch öfter. Gleich hinter Fareg fängt eine Sserir an, Namens Thuil (die lange), dort lagerten wir fünf Uhr Abends.

Am 10. April erreichten wir in südsüdöstlicher Richtung nach einem sechsstündigen Marsche über die Sserir Thuil die grosse von Westen kommende Einsenkung des Bir Ressam. Wo diese im Westen ihren Anfang nimmt, war von meinen Leuten nicht zu ermitteln, vielleicht geht sie bis dicht an die Syrte, vielleicht nach Ain kibrit, und ist somit im Zusammenhange mit Fareg. Der Brunnen selbst hat abscheuliches Wasser, die Kameele trinken es jedoch, einige Palmbüsche sind in der Nähe, und die Ruinen des Gasr Shahabi deuten auf eine einstige Besiedelung. Die Einsenkung zeichnet sich durch zahlreiche Versteinerungen, Muscheln etc. aus, oft sieht man ganze Baumstämme auf dem Boden liegen, meist in Flintstein verwandelt. Palmen und Lentisken sind es besonders, die ehemals die Vegetation bildeten, von der jetzt nur die steinernen Formen übrig geblieben sind. Lebende Vegetation ist in dieser Einsenkung durch Belbel, Domrahn 43und Rherrhek vertreten, letzteres ein Busch; der in der Süd-Sahara unter dem Namen Suak bekannt ist. Die Ressam-Einsenkung ist 100 Meter tiefer als das Mittelmeer (am Brunnen das Barometer auf 772 M.M. = -104 Meter). Den tiefsten Punkt erreichten wir Abends bei Gor-n-nus (am Lagerplatz ergab das Barometer Abends 772, Morgens 773, um 9 Uhr Morgens 772, erreichte also circa 107 M. Tiefe). An dem Tage hatten wir 12 Stunden zurückgelegt.

Auch am folgenden Tage behielten wir diese Richtung von früher und marschirten in der Depression weiter, um 6 Uhr aufbrechend, sendete die Einsenkung um 7 Uhr einen ebenso breiten Arm nach dem circa 6 Stunden entfernten Gor Mschirk ab. Um 9 Uhr passirten wir den ebenfalls Bitterwasser haltenden Brunnen Marak und stiessen auf zwei grosse von Audjila kommende Sklavenkarawanen, die nach Bengasi zogen. Das Land ausserhalb der Einsenkung ist grossgewellt, und grobkörniger Sandboden, manchmal mit bunten Kieselchen bestreut, und nicht ganz ohne alle Vegetation. Nachmittags 2 Uhr bemerkten wir östlich von uns den Dj. Beddafar circa 4 Stunden entfernt. Die nach S.-O. ziehende Depression hatten wir Mittags schon verlassen, und lagerten Abends 5 Uhr bei Gor meschtefar schirgia.

Der darauf folgende Tag, ein zwölfstündiger Marsch, über eine durch nichts unterbrochene grossgewellte, grobkörnige Sandebene, war der langweiligste und einförmigste 44von allen, nur zweimal wird diese wüste Ebene durch zwei Allem (Wegweiser) unterbrochen. Unsere Richtung war immer die gleiche, wie an den vorherigen Tagen. Ebenso unerquicklich war der letzte Tag, der Führer war zudem auf dem Kameele eingeschlafen und wir hatten eine ganze Zeitlang die Richtung verloren, bis wir endlich durch den Stand der Sonne aufmerksam darauf gemacht wurden.


Audjila und Djalo.

Es war gegen Abend des elften Tages, als wir die Oase erreichten. Schon einige Stunden vorher hatten wir wie eine schwarze Linie am Horizont die hohen Palmen derselben erblickt, und die Kameele, welche seit Bir-Ressam nicht getrunken hatten, beschleunigten den Marsch, sobald sie die Palmen hatten auftauchen gesehen. Je näher wir kamen, desto schöner wurde der Anblick; links vor uns, wo bedeutende Sebcha sich ausdehnten, spiegelten sich die Palmen als wie auf einer Silberfläche, davor schlug die Luft grosse Wellen, so dass man oft ein bewegtes Meer zu sehen glaubte. Dann kamen wir an den röthlich-braunen Sebcha, der, von der untergehenden Sonne beleuchtet, einen eigenthümlichen Contrast mit der weissen Sandfläche davor, mit 45den grünen Palmen dahinter bildete. So hat auch die Wüste ihre Schönheit, und in solchem Augenblick konnte ich es begreifen, wenn St. John, als er von der Wüste Abschied nahm, sein Buch mit den Worten schloss:

„Oh! that the desert were my dwelling-place

with one fair spirit for my minister!“