Was nun aber auch der Jüngling im Augenblick des Wiedersehens mit dem durch Erbsünde so schwer belasteten Gottesgeschöpf alles erblickte, erkannte und empfand, außer daß seine Lippen ein wenig zuckten, konnte man ihm deswegen nichts anmerken. »Wie heißt du eigentlich?« fragte er nur die sündenerfüllte Sündlose. Die Hirtin nannte sich Agata und tat dies mit einer Stimme, die Francesco wie das Lachen einer paradiesischen Lachtaube dünkte. »Kannst du schreiben und lesen?« fragte er. Sie erwiderte: »Nein!« »Weißt du etwas von der Bedeutung des heiligen Meßopfers?« Sie sah ihn an und antwortete nicht. Da gebot er ihr in das Kirchlein zu treten und begab sich selbst vor ihr hinein. Hinter dem Altar half ihm der Knabe in das Meßgewand, Francesco setzte sich das Barett aufs Haupt, und die heilige Handlung konnte beginnen: nie hatte sich der junge Mensch dabei, wie jetzt, von einer so feierlichen Inbrunst durchdrungen gefühlt.
Ihm kam es vor, als wenn ihn der allgütige Gott erst jetzt zu seinem Diener berufen hätte. Der Weg priesterlicher Weihen, den er zurückgelegt hatte, schien ihm jetzt nicht mehr, als eine trockene, inhaltlose und trügerische Übereilung zu sein, die mit dem wahrhaft Göttlichen nichts gemein hatte. Nun aber war die göttliche Stunde, die heilige Zeit in ihm angebrochen. Die Liebe des Heilands war wie ein himmlischer Feuerregen, in dem er stand, und durch den alle Liebe seines eigenen Innern plötzlich befreit und entflammt wurde. Mit unendlicher Liebe weitete sich sein Herz in die ganze Schöpfung hinein und ward mit allen Geschöpfen im gleichen, entzückten Pulsschlag verbunden. Aus diesem Rausch, der ihn fast betäubte, brach das Mitleid mit aller Kreatur, brach der Eifer für das Göttlichgute mit verdoppelter Kraft hervor, und er glaubte nun erst die heilige Mutterkirche und ihren Dienst ganz zu verstehen. Er wollte nun mit einem ganz anderen, erneuten Eifer ihr Diener werden.
Und wie hatte ihm nicht der Weg, der Aufstieg zu diesem Gipfel, das Geheimnis erschlossen, nach dessen Sinn er Agata gefragt hatte. Ihr Schweigen, vor dem er selber stumm geworden war, bedeutete ihm, ohne daß er es merken ließ, gemeinsames Wissen durch Offenbarung, die ihnen beiden nun widerfahren war. War nicht die ewige Mutter der Inbegriff aller Wandlungen und hatte er nicht die verwahrlosten und im Finsteren tappenden, verlorenen Gotteskinder auf diesen überirdischen Gipfel gelockt, um ihnen das Wandlungswunder des Sohnes, das ewige Fleisch und Blut der Gottheit zu weisen? So stand der Jüngling und hob den Kelch, mit überströmenden Augen, voll Freudigkeit. Es kam ihm vor, als ob er selber zum Gott würde. In diesem Zustand der Auserwählten, des heiligen Werkzeugs, den er empfand, fühlte er sich mit unsichtbaren Organen in alle Himmel hineinwachsen, in einem Gefühl von Freude und Allgewalt, das ihn, wie er glaubte, über das ganze wimmelnde Gezücht der Kirchen und ihrer Pfaffheit unendlich erhob. Sie sollten ihn sehen, die Augen zu ihm in die schwindelnde Höhe seines Altars, auf dem er stand, mit staunender Ehrfurcht emporrichten. Denn er stand auf dem Altar in einem ganz anderen und höheren Sinne, als Petri Schlüsselhalter, der Papst, es nach seiner Erwählung tut. Krampfhaft verzückt hielt er den Kelch der Eucharistia und der Wandlungen, als ein Symbol des ewig sich neu gebärenden Gottesleibes der ganzen Schöpfung in die Unendlichkeit des Raums, wo es wie eine zweite, hellere Sonne leuchtete. Und während er seines Erachtens eine Ewigkeit, in Wirklichkeit zwei oder drei Sekunden, dastand mit dem erhobenen Heiligtum, kam es ihm vor, als ob der Zuckerhut von Sant Agatha von unten bis oben mit lauschenden Engeln, Heiligen und Aposteln bedeckt wäre. Allein beinahe noch herrlicher schien ihm ein dumpfer Paukenlaut und ein Reigen schön gekleideter Frauen, der sich, verbunden mit Blumengewinden, klar durch die Mauern sichtbar, rund um die kleine Kapelle bewegte. Dahinter drehten sich in verzückter Raserei die Mänaden des Sarkophags, tanzten und hüpften die ziegenfüßigen Satyrn, deren einige das hölzerne Fruchtbarkeitssymbol des Luchino Scarabota in fröhlicher Prozession umhertrugen.
Der Abstieg nach Soana brachte Francesco eine grüblerische Ernüchterung, wie jemandem, der die letzte Hefe aus dem Becher des Rausches getrunken hat. Die Familie Scarabota war nach der Messe davongegangen: Bruder, Schwester und Tochter hatten beim Abschied dankbar die Hand des jungen Priesters geküßt.
Wie er nun mehr und mehr in die Tiefe stieg, wurde ihm ebenso mehr und mehr der Zustand seiner Seele verdächtig, in dem er dort oben die Messe gelesen hatte. Auch der Gipfel von Sant Agatha war sicherlich früher eine irgendeinem Abgott geweihte, heidnische Kultstätte, was ihn da oben scheinbar mit dem Brausen des heiligen Geistes ergriffen hatte, vielleicht dämonische Einwirkung jener entthronten Theokratie, die Jesus Christus gestürzt hatte, deren verderbliche Macht aber vom Schöpfer und Lenker der Welt immer noch zugelassen war. In Soana und in seinem Pfarrhause angelangt, hatte das Bewußtsein, sich einer schweren Sünde schuldig gemacht zu haben, den Priester ganz eingenommen, und seine Ängste deswegen wurden so hart, daß er noch vor dem Mittagessen die Kirche betrat, die Wand an Wand mit seiner Wohnung lag, um sich in heißen Gebeten dem höchsten Mittler anzuvertrauen und womöglich in seiner Gnade zu reinigen.
In einer deutlich gefühlten Hilflosigkeit bat er Gott, ihn den Angriffen der Dämonen nicht auszuliefern. Er spüre sehr wohl, so bekannte er, wie sie sein Wesen auf allerlei Weise angriffen, jenachdem einengten oder über seine bisherigen, heilsamen Grenzen ausdehnten und in erschrecklicher Weise verwandelten. »Ich war ein sorgsam angebautes, kleines Gärtlein zu deiner Ehre,« sagte Francesco zu Gott. »Nun ist es in einer Sintflut ertrunken, die vielleicht durch Einflüsse der Planeten steigt und steigt, und auf deren uferlosen Fluten ich in einem winzigen Kahne umhertreibe. Früher wußte ich genau meinen Weg. Es war derselbe, den deine heilige Kirche ihren Dienern vorzeichnet. Jetzt werde ich mehr getrieben, als daß ich des Zieles und des Weges sicher bin.
Gib mir,« flehte Francesco, »meine bisherige Enge und meine Sicherheit und gebiete den bösen Engeln, sie mögen davon ablassen, ihre gefährlichen Anschläge gegen deinen hilflosen Diener zu richten. Führe, o führe uns nicht in Versuchung. Ich bin zu den armen Sündern hinaufgestiegen in Deinem Dienst, mache, daß ich mich in den festbeschränkten Kreis meiner heiligen Pflichten zurückfinde.«
Francescos Gebete hatten nicht mehr die einstige Klarheit und Übersicht. Er bat um Dinge, die einander ausschlossen. Er ward mitunter selbst zweifelhaft, ob der Strom der Leidenschaft, der seine Bitten trug, vom Himmel oder aus einer anderen Quelle stamme. Das heißt: er wußte nicht recht, ob er nicht etwa den Himmel im Grunde um ein höllisches Gut anflehe. Es mochte christlichem Mitleid und priesterlicher Sorge entsprungen sein, wenn er die Geschwister Scarabota in sein Gebet einbezog. Verhielt es sich aber ebenso, wenn er inbrünstig bis zu glühenden Tränen den Himmel um die Rettung Agatas anflehte?
Auf diese Frage konnte er einstweilen noch mit Ja antworten, denn die deutliche Regung des mächtigsten Triebes, die er beim Wiedersehen des Mädchens gespürt hatte, war in eine schwärmerische Empfindung für etwas unendlich Reines übergegangen. Diese Verwandlung war die Ursache, daß Francesco nicht merkte, wie sich die Frucht der Todsünde anstelle Mariens, der Mutter Gottes, eindrängte und für seine Gebete und Gedanken gleichsam die Inkarnation der Madonna war. Am ersten Mai begann in der Kirche von Soana, wie überall, ein besonderer Mariendienst, dessen Wahrnehmung die Wachsamkeit des jungen Priesters noch besonders einschläferte. Immer, Tag für Tag, gegen die Zeit der Abenddämmerung, hielt er, hauptsächlich vor den Frauen und Töchtern Soanas, einen kleinen Diskurs, der die Tugenden der gebenedeiten Jungfrau zum Gegenstand hatte. Vorher und nachher erscholl das Schiff der Kirche, bei offener Tür, in den Frühling hinaus, zu Ehren Mariens von Lobgesang. Und in die alten, köstlichen, nach Text und Musik so lieblichen Weisen, mischte sich von außen fröhlicher Spatzenlärm und aus den nahen, feuchten Schluchten die süßeste Klage der Nachtigall. In solchen Minuten war Francesco, scheinbar im Dienste Mariens, dem Dienste seines Idols ganz hingegeben.