Das hab ich auch schon ... das klingt sehr verlockend!... das hab ich auch schon von Frauenzimmern gehört. Und dann ist es mir ziemlich übel bekommen.
Mäurer:
Frauenzimmer und Freund ist ein ander Ding. Muß ich dich dran erinnern, Schilling, daß ich in alten Zeiten als Hungerleider mal vor deiner Tür um fünfzig Pfennig bitten gewesen bin, um nur mal wieder zu mittag zu essen?
Schilling:
Es hält mich nichts, es hindert mich nichts. Ich bin bereit, und im Augenblick meinethalben, mit dir nach dem Monde zu reisen. Und doch glaub ich an die Geschichte nicht! — Sieh mal, von meiner »Gattin« Eveline bekam ich noch gestern abend hier diesen Brief. Du weißt vielleicht nicht, daß sie über die neue Wendung der Dinge mit ... mit Hanna im siebenten Himmel ist. — Ja, ich hatte ihr scherzweise etwas von deinen Absichten angedeutet. Ich hatte das Maul etwas vollgenommen, so etwa wie: meine ganze bisherige Tätigkeit wäre eigentlich lauter Vorarbeit und so weiter, und hoffte jetzt wirklich mit dem wirklichen Werk mal anzufangen; was man so, um Seiten zu füllen, schreibt. Und da lies mal gefälligst den Dithyrambus! (Er wirft Mäurer den Brief hin): Also! Was sollte mich also festhalten? — vorausgesetzt, daß von dem Reisegeld etwas für die Mäuler zu Hause übrig bleibt.
Mäurer:
Was willst du mit siebenunddreißig Jahren, mein Junge, denn anders gemacht haben als die Vorarbeit? Der Japaner Hokusai sagt: alles, was er im Alter vor siebzig Jahren gemalt habe, sei nicht der Rede wert. Und du willst im Alter des Schülers verzweifeln.
Schilling:
Na, Teufel, da will ich mir noch eine anstecken! — (Merkbar erregt, zündet er seine zweite Zigarre an): Weshalb auch nicht? — Na, alsdann! Versuchen wirs eben noch mal. — Schneid hätt ich eigentlich immer, bloß eigentlich keine Traute nicht. Es ist wahr, ich fühle mich hier etwas anders. Ich fühle mich hier — ich finde wirklich, daß feste Entschlüsse ganz günstig wirken! — ich fühle mich hier sogar aufgefrischt! Ich könnte beinahe glauben — beinahe wieder glauben, es gibt außer dem jammerwürdigen Sackhupfen nach der Krume Brot und ähnlichen kläglichen Amüsements noch einen anderen Zustand in der Welt. Die Erinnerung an ... an ... an den Gestank fängt an zu verblassen in ... in der salzigen Inselluft. Man bildet sich ein ... ganz ohne Spaß, man bildet sich ein ... man fragt sich, ob man sich denn tatsächlich in diesen verdammten, rückwärtigen Trichter muß hineinziehen lassen? — Warum denn? Nein! Ich glaube das nicht! Ich werde mal ganz entschieden nein sagen! Warum laß ich nicht alles mal sitzen und liegen und hocken und quetschen und stinken nach Herzenslust? Warum nicht? Denkst du vielleicht, ich kann das nicht? Was denn? Sie saugen sich an wie die Blutegel, sie binden einem Hände und Füße delilahaft, sie gießen einem Blei ins Hirn, sie knebeln einem das Maul mit Gemeinplätzen und pauken einem mit einem täglichen Hagel von faustdicken Dummheiten das letzte bißchen Ehrgefühl aus dem Tempel raus. Sucht mich im Peloponnes, meine Herrschaften! (Während seines halb ernsten, halb drolligen Ausbruchs hat Schilling sich erhoben und läuft umher. Gemeinsames Gelächter beider Freunde beschließt die Rede.)
Mäurer: