Ein so verändertes Wesen war vor urdenklichen Zeiten die erste bäurische Pythia, und sie erschien in den Händen des bogenführenden Jägers und Rinderherden besitzenden Hirten, in den Händen des Jäger- und Hirtengottes Apollon willenlos. Den Willen des Menschen zerbrach der Gott, wie man ein Schloß zerbrechen muß, das die Tür eines fremden Hauses verschließt, will man als Herrscher und Herr in dieses eintreten; und nicht der menschliche Wille, sondern gleichsam die Knechtschaft im göttlichen, nicht Vernunft, sondern Wahnsinn besaß vor den Menschen damals allein die Staunen und Schauder verbreitende Autorität.
Die Pferde beginnen bergan zu klimmen. Mehr und mehr, während wir aus den dunklen Olivenwäldern emportauchen, verdichtet sich um uns die Dämmerung. Die Luft ist warm und bewegungslos. Es ist eine Art tierischer Wärme in der Luft, die aus dem Erdboden, aus den Steinblöcken um uns her, ja überall her zu dunsten scheint. Überall klettern Ziegenherden. Ziegenherden kreuzen den Weg oder trollen ihn mit Geläut zu Tal. Ich fühle auf einmal, wie hier das Hirten- und Jägerleben nicht mehr nur als Idyll zu begreifen ist. In dieser brütenden Atmosphäre, wie sie über den schwarzen Olivenwäldern der Tiefe, in dem weiten, gewaltig zerklüfteten Abgrund zwischen den Wällen schroffer Gebirge steht, wird mein Blut überdies zu einem seltsamen Fieber erregt, und es ist mir, als könne aus dieser buhlerisch warmen, stehenden Luft die Frucht des Lebens unmittelbar hervorgehen. Das Geheimnis ist ringsum nahe um mich. Fast bang empfinde ich seine Berührungen. Es ist, als trennte — sagen wir von den „Müttern“! nur eine dünne Wand oder als läge das ganze Geheimnis, in dem wir schlummern, in einem zurückgehaltenen, göttlichen Atemzug, dessen leisestes Flüstern uns eine Erkenntnis eröffnen könnte, die über die Kraft des Menschen geht.
Ich habe in diesem Augenblick mehr als je zu bedauern, daß mir der musikalische Ausdruck verschlossen ist, denn alles um mich wird mehr und mehr zu einer einzigen, großen, stummen Musik. Das am tiefsten Stumme ist es, was der erhabensten Sprache bedarf, um sich auszudrücken. Allmählich verbreitet sich jenes magische Leuchten in der Natur, das alles vor Eintritt völliger Dunkelheit noch einmal in traumhafter Weise verklärt. Aber Worte besagen nichts, und ich würde, mit der wahrhaft dionysischen Kunst begabt, nach Worten nicht ringen müssen.
Ich empfinde inmitten dieser grenzenlos spielenden Schönheit, die von einem grunderhabenen düsteren Glanze gesättigt ist, immer eine fast schmerzhafte Spannung, als ob ich mich einem redenden Brunnen, einem Urbrunnen aller chthonischen Weisheit gleichsam annäherte, der, wiederum einem Urmunde gleich, unmittelbar aus der Seele der Erde geöffnet sein würde.
Niemals, außer in Träumen, habe ich Farben gesehen, so wie hier auf dem Marktplatze von Chryso, in dessen Nähe das alte Krisa zu denken ist. In diesem Bergstädtchen werden unsere Zugtiere getränkt. In Eimern holt man das Wasser aus dem nahen städtischen Brunnen, der im vollen, magischen Licht des Abends sich, aus dem Felsen rauschend, in sein steinernes Becken stürzt. Hier drängen sich griechische Mädchen, Männer und Maultiere, während im Schatten des Hauses gegenüber würdige Bauern und Hirten beim Weine von den Lasten des Tages ausruhen. Alles dieses wirkt feierlich schattenhaft. Es ist, als bestünde in dem Menschengedränge des kleinen Platzes die geheiligte Übereinkunft, die innere Sammlung der delphischen Pilger nicht durch laute Worte zu stören.
Unter den schweigsam Trinkenden, die uns mit Würde beobachten und ganz ohne Zudringlichkeit, fällt manche edle Erscheinung auf. Von einem Weißbart vermag ich mein Auge lange nicht abzuwenden. Er ist der geborene Edelmann. Die Haltung des schlanken Greises, der seine eigene Schönheit durchaus zu schätzen weiß, ist durchdrungen von einem Anstand, der eingeboren ist. Aus seinem Antlitz sprechen Güte und Menschlichkeit: ich sehe in ihm das Gegenbild aller Barbarei. An diesem Hirten legt jede Wendung des Hauptes, jede gelassene Bewegung des Armes von edler Herkunft Zeugnis ab: von einer Jahrtausende alten, verfeinerten Hirtenwürde! denn wo wäre die Freiheit der Haltung, die stolze Gewohnheit des Selbstgenügens, die Würde des Menschen vor dem Tier, weniger gestört, als im Hirtenberuf.
Es ist, nachdem wir die Stadt verlassen haben und weiter die steilen Kehren aufwärts dringen, als sänke sich von allen Seiten, dichter und dichter, Finsternis über das Geheimnis, dem wir entgegenziehen, schützend herein. Es ist wie eine Art Unschlüssigkeit in der Natur, als deren bevorzugtes Kind sich der gläubige Grieche fühlen muß, die sich mir aber dahin umdeutet, als sollte erst durch die volle Erkenntnis einengender Finsternis der volle Durst zum Orakelbrunnen erzeugt werden.
Noch immer ist die stehende Wärme auch in der fast völligen Dunkelheit verbreitet um mich. Der Himmel hat rötlich zuckende Sterne enthüllt, aber der Blick ist von nun an beengt und eingeschlossen. Die große Empfindung der Götternähe weicht einer gewissen heimlich schleichenden Spukhaftigkeit, und so will ich nun auch eine Vorstellung dieser spukhaften Art aus dem Erlebnis der unvergleichlichen Stunden festhalten.
Mehrmals und immer wieder kam es mir vor, als stiege der Schatten eines einzelnen Mannes mit uns nach dem gleichen Ziele hinan, und zwar auf einem Fußsteige immer die Kehren der großen Straße abschneidend. Kamen wir bis an die Kreuzungsstelle heran, so schien es, als sei er schon vorüber, oder er war zurückgeblieben und stieg weit unten, schattenhaft über die Böschung der tieferen Straßenschlinge herauf. Auch jetzt unterliege ich wieder dem Zwang dieser Vorstellung.
Es ist unumgänglich, daß ein bis ins tiefste religiös erregter, christlich erzogener Mensch, auch wenn er das innere Auge abwendet, gleichsam mittels des peripherischen Sehens doch immer auf die Gestalt des Heilands treffen muß: und dies war mir und ist mir noch jetzt jener Schatten. Etwas wie Unruhe, etwas wie Hast und Besorgnis scheint ihn den gleichen Weg zu treiben, und etwas, wie der gleiche, immer noch ungestillte Durst.