Periander! Melissa! Lykophron!

Periander, auf dem Burgfelsen hausend, Tyrann von Korinth, allmählich ähnlich wie Saul, ähnlich wie der spartanische König Pausanias, in einen finsteren Wahnsinn versinkend. Leidend an jenem unausbleiblichen Schicksal großer Herrschernaturen, die nach erreichtem Ziel von jenen Dämonen verfolgt werden, die ihnen dahin lockend voranschritten. Er hatte die Einwohnerschaft Korinths von den furchtbaren Felsen herunter terrorisiert und dezimiert. Er hatte Lyside, die Tochter des Tyrannen Prokles, geheiratet, der zu Epidaurus saß. Die Gattin, zärtlich von ihm Melissa genannt, ward später von ihm aus unbekannten Gründen heimlich ermordet: zum wenigsten wurde ihr Tod Periandern zur Last gelegt. Prokles, Lysidens Vater, ließ eines Tages vor den beiden inzwischen herangewachsenen Enkeln, Kypselos und Lykophron, den Söhnen Melissens und Perianders, Worte fallen, die besonders dem Lykophron eine Ahnung von dem Verbrechen des Vaters aufgehen ließen, und diese Ahnung bewirkte nach und nach zwischen Sohn und Vater den tiefsten Zerfall.

Der große Britte hat die Tragödie eines Sohnes geschrieben, dessen Mutter am Morde ihres Gatten, seines Vaters, beteiligt war. Er hat die psychologischen Möglichkeiten, die in dem Vorwurf liegen, nicht bis zu jeder Tiefe erschöpft. Wie denn ein solcher Gegenstand seinem Wesen nach überhaupt unerschöpflich ist, derart zwar, daß er sich selber in immer neuen Formen, aus immer neuen Tiefen manifestieren kann. Vielleicht ist das Problem Periander Lykophron noch rätselvoller und furchtbarer, als es das Rätsel Hamlets und seiner Mutter ist. Dabei hat dieser göttliche Jüngling Lykophron mit dem Dänenprinzen Ähnlichkeit ... man könnte ihn als den korinthischen, ja den griechischen Hamlet bezeichnen.

Gleichwohl war in seiner Natur ein Zug von finstrer Entschlossenheit.

Während Periander in der wesentlichen Vereinsamung der Herrschbegier — denn der Herrschende will allein herrschen und wenn er auch andere Herrscher dulden muß, so erreicht er doch die Trennung von allen, das Alleinsein, immer gewiß. Er gräbt sich meistens jeden gemütischen Zufluß der Seele ab, wodurch sie denn, wie ein Baum bei Dürre, qualvoll langsam zugrunde geht.

Also während Periander, sagte ich, vereinsamt, als Herrscher von Korinth, in seinem Palast auf dem öden Burgfelsen, mit den Dämonen und mit dem Schatten Melissens rang, hatte sich Lykophron nicht nur von ihm abgekehrt, sondern von Grund aus alles und jedes, außer das Leben! was er ihm zu verdanken hatte — alles und jedes, was ihm durch Geburt an Glanz und Prunk mit dem Vater gemeinsam war, dermaßen gründlich von sich getan, daß er, obdachlos und verwahrlost, in den Hallen und Gassen des reichen Korinth umherlungernd, von irgendeinem anderen Bettler nicht mehr zu unterscheiden war.

Hier noch wurde er aber von dem allmächtigen Vater mit rücksichtsloser Strenge verfolgt, dann wieder mit leidenschaftlicher Vaterliebe; doch weder Härte noch Zärtlichkeit vermochten den qualvollen Trotz der vergifteten Liebe abzuschwächen.

Die Tat des Periander wurde mit dem Schicksale dieses Lykophron zum Doppelmord: zum Morde der Gattin und des Sohnes. Und hierin liegt die Eigenart der Tragik, die in der Brust Perianders wütete, daß er einen geliebten und bewunderten Sohn, das köstlichste Gut seines späteren Lebens, plötzlich und unerwartet durch den Fluch seiner häßlichen Tat vernichtet fand. Damit war ihm vielleicht der einzige Zustrom seines Gemütes abgeschnitten und das Herz des alternden Mannes ward von dem Grauen der großen Leere, der großen Öde umschränkt.

Ich bin überzeugt, daß tiefe Zwiste unter nahen Verwandten unter die grauenvollsten Phänomene der menschlichen Psyche zu rechnen sind. In solchen Kämpfen kann es geschehen, daß glühende Zuneigung und glühender Haß parallel laufen — daß Liebe und Haß in jedem der Kämpfenden gleichzeitig und von gleicher Stärke sind: das bedingt die ausgesuchten Qualen und die Endlosigkeit solcher Gegensätze. Liebe verewigt sie, Haß allein würde sie schnell zum Austrag bringen. Was könnte im übrigen furchtbarer sein, als es die Fremdheit derer, die sich kennen, ist?

Periander sendete Boten an das Totenorakel am Acheron, um irgendeine Frage, die ihn quälte, durch den Schatten Melissens beantwortet zu sehen. Melissa dagegen beklagte sich, statt Antwort zu geben und erklärte, sie friere, denn man habe bei der Bestattung ihre Kleider nicht mit verbrannt.