Immer wasserreicher erscheinen die Höhen, in die wir aufdringen. Mehrmals werden reißende Bäche überquert. Eine erste, gewaltige Kiefer grüßt vom Abhange. Anemonen, blendend rote, zeigen sich. Kleine Trupps zarter Alpenveilchen. Aus Seitenschachten stürzen klare Wasser über den Weg und ergießen sich in das Sammelbett des größeren Baches.

Wir halten die erste Rast, etwa 2300 Meter hoch im Taygetus, unter einem blühenden Kirschbaum vor der Herberge, genannt zur kleinen Himmelsmutter. Der Bergstrom rauscht. Kirschblüten fallen auf uns herunter. Wir haben herrliche Abhänge gegenüber, die mit starken Aleppokiefern bewaldet sind.

Es ist köstlich hier, entzückend der Blick durch die tiefgesenkten Blütenzweige in die ebenso wilde als wonnige Bergwelt hinein.

Man fühlt hier oben das unbestrittene Reich der göttlichen Jägerin Artemis, die in Lakonien vielfach verehrt wurde. Hier ist für ein freies, seliges Jägerleben noch heut der eigentlich arkadische Tummelplatz. Hier oben fanden auch Opfer statt. Und zwar jene selben Sonnenopfer, die bei den alten Germanen üblich gewesen sind und bei denen die Spartiaten, nicht anders wie unsere Vorfahren, Pferde schlachteten.

Wir haben den Hochpaß überstiegen und nach einem ermüdenden Ritt, meist steil bergab, das Dörfchen Lada erreicht. Ein Bergstrom hat die steinige Straße der Ortschaft mit seinen stürzenden Wellen überschwemmt und niemand denkt daran, ihn in sein Bett zurückzuleiten. Mit Ausnahme eines kleinen Bezirks um die Ansiedelungen Ladas, ist das weite Tal eine einzige Steinwüste.

Träge, fast unwillig, öffnet auf das Klopfen unseres Führers eine derbe, blonde, noch nicht zwanzigjährige Bäuerin die Tür zur Herberge. Ein Ferkel wühlt zwischen Tisch und Bank, in einem finsteren, kellerartigen Raum, dessen Hintergrund ein Lager mit gewaltigen Fässern ausfüllt. In einer hölzernen Schlachtermulde auf dem Tische schläft ein neugeborenes Kind.

Die Jachten der Königin von England und des Königs von Griechenland liegen im Hafen zur Abfahrt bereit. Eben hat sich die „Galata“ des Norddeutschen Lloyd in Bewegung gesetzt, die uns nach Konstantinopel führen soll. Die Häuser des Pyräus stehen im weißen Licht.

Athen ist das Licht, das Auge, das Herz, das Haupt, die atmende Brust, die Blüte von Griechenland: heute des neuen, wie einst des alten! Ich empfand das lebhaft, trotz aller großen Landschaftseindrücke meiner peloponnesischen Fahrt, als ich nach ununterbrochener Reise von Kalamata wieder hier anlangte. Athen ist durch seine Lage geschaffen, und Griechenland ohne Athen wäre niemals geworden, was es war und was es uns ist. Der freie, attische Götterflug hat den freien attischen Geistesflug hervorgerufen.

Indem wir, Abschied nehmend, die Küste zur Linken, hingleiten, vorüber an dem kleinen Hafen Munichia, vorbei an den Siedelungen von Neu-Pharleron, steigt noch einmal das ganze attische Wunder vor uns auf.

Dieser Hymettos, dieser Pentele, dieser Lykabettos, dieser Fels der Akropolis sind keine Zufälligkeit. Alles dieses trägt den Adel seiner Bestimmung im Angesicht.