Gestern früh erhielten wir hier die Nachricht von der nunmehr wirklich erfolgten Erhebung auf den Thron des Herzogs von Orléans und daß Lafayette diese Art König par la volonté de la sublime nation et par la constitution la plus belle république getauft hat, eine Taufe, die Ironie und Wahrheit zugleich enthält. Was ich und die mit mir Gleichgesinnten hier sagen, werden Sie aus meinem langen Brief folgern, nämlich daß der nun also wirklich bei Seite geschobene und übergangene Herzog von Bordeaux der Anknüpfungspunkt für Europa wird, indem es dessen Rechte auf die Krone behauptet, verteidigt und für ihn Alles wagen müßte. Man hat in den merkwürdigen Sitzungen der Kammern gesehen, wie offen und frei sich Viele für die Legitimität und für den Herzog von Bordeaux ausgesprochen haben. Außerdem stimmen die Nachrichten aus Frankreich darin überein, daß freilich die Revolution sich überall (breit) gemacht hat, weil Paris das unglückliche Beispiel gab, daß aber nur in wenig Orten sich Enthusiasmus gezeigt und vielmehr eine allgemeine Bangigkeit, ein allgemeiner Schrecken über das Geschehene sich ausspricht, fürchtend, daß der blühende Zustand des Landes, die glücklichen Verhältnisse mit dem Auslande usw. sich nur zu leicht ändern werden. Mir scheint es daher, daß man für die Sache des Herzogs von Bordeaux eine große Partei finden würde, obgleich man sich nicht verhehlen darf, daß eine Agression durch Europas Mächte eine große Einheit zur Abwehrung des Feindes erzeugen würde. Aber man hat sie 1815 überwunden und wenngleich nach 15 Friedensjahren sich Vieles consolidiert hat und kräftiger geworden ist, so würde 1830 oder 1831 der gerechten Sache auch der Sieg nicht fehlen.

Lord Bagot, der englische Ambassadeur hier hat... gesagt, daß er gewiß überzeugt sei, daß, wenn der Herzog von Orléans seine Thronbesteigung nur den Mächten anzeige, England gewiß die Antwort geben würde, daß seine Anerkennung von der übereinstimmenden Ansicht aller großen Mächte abhängen müsse, die sich dazu auf einem Congreß gewiß schleunigst versammeln würden.

Geheime Nachrichten, namentlich von der belgischen Grenze her sagen, daß die hiesige liberale Partei von der französischen auf’s inständigste gebeten wird, sich noch ganz ruhig zu verhalten, weil im entgegengesetzten Falle dies die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich ziehen müßte und zu Gegenmaßregeln veranlassen würde. Dies sei es, was sie in Frankreich am meisten fürchten müßten, weil ein Entgegentreten der Regierung gegen das liberale Prinzip jetzt der jungen Revolution nur höchst nachteilig werden könnte und die Angst für das Ausland noch mehr vermehren würde. Darum erscheinen auch mit einem Male in den hiesigen liberalen Blättern ruhigere Artikel. Diese Nachrichten scheinen mir nicht unwichtig der Berücksichtigung in diesen wichtigen Momenten und bei Beurteilung der Meinung Frankreichs und der liberalen Parteien.

Im Haag, den 13. August 1830.

.... als Wilhelm zu mir kam, um mich in Kenntnis von Wellingtons Ansichten zu setzen, die er ihm in einem Briefe... ausspricht. Das kurze Resumee dieses Schreibens ist folgendes: Die Hoffnung, welche seit 1815 bestand, den Frieden in Europa erhalten zu sehen, sei jetzt nicht mehr so groß nach den Ereignissen von Paris. Es sei ihm viel weniger bang für etwaige kriegerische Schritte des Orleans als für dergleichen von Seiten der enthusiasmierten Nationalgarden, die so ziemlich die Anarchie zu ihrem Ziele sich gesetzt zu haben scheinen. Die neue Regierung würde nicht im Stande sein, irgend einem unüberlegten Schritt dieser Banden vorzubeugen noch die Kraft haben, eine Reparation zu machen, falls fremdes Gebiet dabei betreten worden wäre. Kurzum, der Herzog deutet an, daß das Volk stärker als die Regierung ist (das ist es ja gerade, was die Revolution auch wollte) und daß man daher an den Grenzen sehr auf seiner Hut sein müßte. Er rät demnach das zu tun, was Sie für Saarlouis und Luxemburg angeordnet haben, nämlich die Grenzplätze gegen einen gewaltsamen Angriff zu sichern, jedoch alle Anstalten dazu mit dem wenigstmöglichen Aufsehen zu machen, damit keine Jalousie erregt wird. Außerdem rät er, gleichfalls wie Sie bereits befohlen haben, alle Anstalten zu treffen, daß Alles vorbereitet sei zu späteren größeren möglichen Ereignissen und sich immer so zu halten, daß man vorbereiteter als die Franzosen sei. Er schlägt vor, Feldgeschütze nach den Grenzfestungen zu senden, um, falls une colonne mobile Garde nationale sich eine Incursion erlauben sollte, ihr auch mit Geschütz entgegen gehen zu können.

Außerdem läßt der Herzog wissen, daß die Revolution in Paris keineswegs, wie es den Anschein habe, eine Sache des Momentes gewesen sei, sondern ein de longue main vorbereiteter Schlag, indem unter dem vermeintlichen Pöbel allenthalben verkleidete Offiziere, à demi soldé, vieux soldats de Napoléon und andere verkleidete messieurs sich befunden hätten, woher man denn auch die auffallende Ordnung im Gefecht so wie die völlig regelmäßigen Detachierungen zum Verhauen der Wege, zum Errichten der Barrikaden und so Mehreres sich erklären könne. Es war Alles vorbereitet, damit vom 3. bei Eröffnung der Kammern durch Charles X. die Revolution losbrechen sollte, wo man in der Thron-Rede oder sonst auf irgend eine Art Veranlassung dazu zu finden hoffte; die Ordonnanzen vom 25. Juli sollten der Sache zuvorkommen... den Erfolg aber sehen wir. Man sieht also immer deutlicher, daß die armen Bourbons hätten tun können, was sie wollten, ihnen das jetzige harte Los jedenfalls zugedacht war[72].

Im Haag, den 19. August 1830.

Sie werden auch die sehr widersprechenden Nachrichten über die Reise des Königs Charles X. erhalten haben. Vorgestern kam aus Paris die Nachricht, daß der König in Ostende landen würde, um sich dann zu Lande weiter nach Deutschland zu begeben. Gestern kam per Estafette die Nachricht, daß Marschall Moison den Befehl vom Herzog von Orleans erhalten habe, den König in keinem niederländischen Hafen landen zu lassen und wahrscheinlich nach Portsmouth gehen würde. Heute sind keine weiteren Nachrichten gekommen. Ich fürchte, daß der Empfang, den Charles X. in England erhalten wird, sehr niederdrückend für ihn sein dürfte, da, wenn auch niemand wohl seine Partei nehmen kann, doch wohl kein Volk so geneigt ist, seine Gesinnungen laut ausbrechen zu lassen, wie das englische. Übrigens muß man doch in den Befehlen Orleans’, der dem armen König, dem er Krone und Land nahm, nicht einmal erlaubt, frei seine Fluchtreise zu bestimmen, eine Härte und Impertinenz erblicken, die weit geht. Übrigens scheint mir sehr große Gährung in Paris fortwährend zu existieren, die uns alle Zeitungen seit mehreren Tagen wohl zeigten, aber noch mehr die Proclamation des Orleans vom 16. Die Contre-Revolution wird wohl nicht ausbleiben, denn die Ultra-Liberalen, sieht man wohl, sind noch lange nicht zufrieden. Gewiß erleben wir noch blutige Auftritte in Paris und le roi citoyen wird wohl auch müssen unter les concitoyens schießen lassen. Dies wird Europa wohl abwarten wollen; wenn nur dadurch nicht das Legitimitätsprinzip zu kurz kommt!

Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.

Im Haag, den 20. August 1830.