Von seinem stillen Erdenwinkel aus hat der Schreiber unserer Handschrift Jahrzehnte lang dem Treiben der Welt zugesehen. An beschaulicher Muße wird es ihm wohl nicht gefehlt haben, sonst würde er schwerlich große Abschnitte seines Gedenkbuches in zierlicher Druckschrift ausgeführt und, wo etwa seine Vorlagen größere oder kleinere Vignetten und Zierleisten aufwiesen, auch diese mit sorgfältiger Feder wiedergegeben haben. Bewunderungswürdig ist in der That die Ausdauer und Hingabe, mit der er selbst umfänglichere Flugschriften bis auf die Form der Buchstaben getreu kopiert hat.

Von ihm selbst rührt in dem Codex nur wenig her. Es sind da vor Allem Aufzeichnungen über Wind und Wetter, Beobachtungen, wie sie dem Landgeistlichen besonders nahe liegen mußten, zu nennen. Die Einkleidung ist zuweilen originell genug und verrät uns bereits die ausgesprochene Vorliebe des Pfarrers für absonderliche, »curieuse« Gegenstände und Geschichten. So zählt er auf Seite 85 in seinen »Anmerkungen über das 1766ste Jahr« »der Nachwelt zum unvergeßlichen Angedenken« acht »Merkwürdigkeiten« des Winters 1766 auf 67, die sich alle lediglich auf die Witterung beziehen, auf. Daß er aber zugleich mit feinem Sinn für Witz und Humor begabt war, zeigen sogar seine »Dicta quaedam breviter explicata« (S. 377 ff.), teils eigene teils fremde Auslegungen von Bibelstellen, in welchen ein schalkhafter Humor nicht selten das theologische Element überwiegt. Da notiert er sich beispielsweise:

»1. Tim. VI, 9: Denn die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und in Viele thörigte und Schädliche Begierden, welche die Menschen Versenken ins Verderben und Verdammniß; den der Geitz sey eine Wurtzel alles Übels, und durchstechen sich selbst mit Vielen todes Schmertzen«

und bemerkt dazu:

»Aus diesem Dicto hat eine nachsinnende Feder, Von denen See-Würmern in Holland und deren Vermuthender ursach folgende courieuxe Observation gezogen: .... Der heil. Geist Brauche durch den Apostel das Wort »Schädliche«, und dieses Wort heiße nach dem Grund Text βλαβερὸς, deßen derivation von βλίπτω oder ἐάπτω und ἴπτω, noceo, ich schade, DaVon dan herkomme ἴψ, ἰπὸς vermis cornua corrodens, ein Wurm der Hörner durchnaget, mit Hörnern armiret. — Weilen nun in Holland in sonderheit die Geldgierigkeit und Begierde reich zu werden durch die Handlung zu waßer und zu land, wie bekandt herschet, so hat Gott zur straffe, wie sie selbst bekennen, .... diese schädliche Würmer ... gesandt, welche ihre hornharte Pfähle an den Teichen durch-Brechen und das Land in äußerste Gefahr der überschwemmung und des Verderbens setzen.«

Man hört förmlich bei dieser an den Haaren herbeigezogenen, umständlichen Erklärung den wackeren Pfarrherrn von Wildenthierbach hinter seinem Buche leise lachen.

Im Übrigen besteht der Inhalt so gut wie ausschließlich in Abschriften, deren Vorlagen nicht immer leicht festzustellen sind. Es wurde bereits erwähnt, daß ihm mehrfach Flugblätter und Flugschriften als solche gedient haben, die heute teilweise zu den Seltenheiten zählen. Vieles auch entnahm er der »Frankfurter gelehrten Zeitung«, die er sich gehalten zu haben scheint, oder der »Erlanger Realzeitung«, der »Berliner Zeitung« etc., anderes ist aus Chroniken zusammengetragen, aus den Werken gleichzeitiger Dichter, wie Gellert, Gleim, Gottsched u. a. abgeschrieben. Es verrät keinen besonders entwickelten historisch-wissenschaftlichen Sinn, daß Angaben über das Woher den einzelnen Abschnitten und Gedichten nur selten hinzugefügt sind.

Gleich der erste umfängliche Eintrag in sein Gedenkbuch (S. 1 ff.) zeigt ihn zwar als guten Rothenburger Patrioten und überzeugten, glaubenseifrigen Protestanten, aber als schlechten Historiker, denn zu einer Sammlung von Nachrichten »von der geseegneten Reformation allhier in Rotenburg hätten ihm wohl bessere Quellen zu Gebote gestanden als die ziemlich wertlose Kompilation Albrechts[66] aus der er seine Weisheit geschöpft hat. In einer anderen ähnlichen »Sammlung allerhand merkwürdiger Sachen«, die sich auf Franken, insbesondere aber wieder auf Rothenburg beziehen (S. 397 ff.), wird ein Lobgedicht auf Rothenburg angeführt, welches folgendermaßen beginnt:

»Rotenburg die Edel Berühmte Stadt

Von Schloß und Burg den Nahmen hat.«