Wir wissen noch von manchen anderen Fahrten deutscher Pilger nach St. Jacob de Compostella aus dem Mittelalter und dem beginnenden 16. Jahrhundert[116], können es aber für unseren Zweck bei den oben angeführten wichtigsten derselben, von denen zumeist noch eine Beschreibung vorhanden ist, bewenden lassen.
Wie an den Pilgerfahrten nach dem heiligen Lande sind auch, wie wir gesehen haben, an den Reisen nach Santiago de Compostella Nürnberger in hervorragender Weise beteiligt gewesen, und einer alten Nürnberger Familie, die zu den Ehrbaren gerechnet wird, gehörte auch der Schreiber unseres Reisetagebuches an. Sebald Örtel, dessen Bildnis wir dieser Abhandlung beigeben[117], war als dritter von sieben Söhnen Sigmund Örtels und seiner Frau Margaretha, einer Tochter des Philipp Groß, 1494 geboren. Außer den Brüdern, unter denen ihm der im Diarium mehrfach genannte Florentius im Alter am nächsten stand, hatte er, wie aus einem Örtelschen Geschlechterbuch[118] hervorgeht, noch acht Schwestern. Die Örtel sollen namentlich einen »starken Handel mit Berkwercken getrieben« haben[119] und müssen früh zu ansehnlichem Reichtum gelangt sein. Auch Sebalds Vater, Sigmund († 1525), war sehr vermögend, er besaß zu Ausgang des 15. Jahrhunderts ein Haus in der Kotgasse, je ein weiteres in der Derrergasse, Bindergasse und unteren Schmiedgasse, sowie ein Gut zu Galgenhof, das er eben im Geburtsjahr Sebalds, 1494, von der Gerhaus Kohler gekauft hatte[120]. Über Sebald Örtel selbst erfahren wir nicht eben viel. Während einige seiner Brüder (Andreas, Florentius, Sigmund) in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts verschiedene städtische Ämter bekleidet haben[121], wird ein Gleiches von ihm nicht berichtet. Unmittelbar nach der Rückkehr von seiner weiten Reise hat er sich am 11. Februar 1522 mit der Tochter des Hans von Ploben und der Barbara Hallerin, Anna von Ploben, vermählt, die ihm drei Söhne gebar, Christoff, Abraham und Paulus[122]. 1552 ist Sebald Örtel 58 Jahre alt gestorben.
Was nun sein Reisetagbuch betrifft, so liegen uns in der Handschrift 420 (kl. 8) der im Germanischen Museum deponierten Merkelschen Sammlung, zwar kaum die Notizen vor, die er sich auf der Reise selbst gemacht haben mag — dem widerspricht die Gleichmäßigkeit und Sauberkeit der Schrift — ohne Zweifel aber haben wir es mit einer fast gleichzeitigen, wahrscheinlich von Sebald Örtel selbst bald nach seiner Rückkehr unternommenen Abschrift oder Bearbeitung seiner Reiseaufzeichnungen zu thun. Das so entstandene Werkchen umfaßt 2¾ Bogen oder 22 Blätter und ist auf starkem, nur leider etwas schlecht geleimtem und daher die Tinte durchlassendem Papier geschrieben.
Interessant ist es, zu beobachten, was den Nürnberger Kaufmannssohn auf seiner Reise vor Allem interessiert. Unternommen wurde sie, wie aus den Eingangsworten hervorgeht, in erster Linie als eine Pilgerfahrt nach Santiago und die Aufzählung kirchlich bedeutsamer Stätten, die besucht, die Beschreibung der Reliquien, die besehen und fromm verehrt wurden, nimmt einen breiten Raum in der Erzählung ein. Auch unterläßt Sebald Örtel es nie, getreulich zu berichten, wo er Messe hat lesen lassen, ein Almosen »in den Stock« gelegt hat u. s. f. Daneben aber verrät sich der Zeitgenosse und nähere Landsmann so vieler großer Künstler, eines Dürer und Peter Vischer, deutlich in dem Eindruck, den hervorragende Kunstwerke auf ihn machen, in der ausführlichen Schilderung, die er beispielsweise der berühmten Chorbühne in der nicht minder berühmten Kathedrale der heiligen Cäcilia in Albi widmet. Aus seinen Notizen wird vielleicht Manches für die lokale Kunstgeschichte zu entnehmen sein, doch muß ich die Verwertung des Tagebuchs nach dieser Richtung hin besseren Kennern der mittelalterlichen Kunst in Frankreich und Spanien überlassen.
Auch sonst bekundet Örtel in seinem Tagebuch einen offenen Blick namentlich auf praktischem Gebiete und ein vielseitiges Interesse. Wie von vornherein ein Nebenzweck seiner Reise der gewesen war, seinen in Lyon weilenden Bruder Florentius zu besuchen und später die Rückreise von Lyon aus mit ihm gemeinsam zu machen — dieser Plan hat auch seine Marschroute wesentlich beeinflußt — so verkehrt er außer zu Lyon, auch in Lissabon, Saragossa und anderen Orten mit den dort anwesenden Deutschen und läßt es sich manchen Dukaten kosten, was alles gewissenhaft verzeichnet wird. Ebenso genau wird über die bezahlten Zollgebühren Buch geführt. In Zürich zeigen ihm die Züricher Herren ihr Zeughaus, ebenso besieht er sich das königliche, reich ausgestattete Zeughaus in Lissabon; in St. Juan de Luz, Lissabon und Marseille werden die großen Schiffe, in letzterer Stadt auch die Docks in Augenschein genommen — Dinge, die den künftigen Handelsherrn, den vornehmen Städter, besonders interessieren mußten. Daneben aber versäumt er auch nicht bei St. Galmier des dort aus der Erde quellenden, »wie Wein schmeckenden« doppeltkohlensauren Wassers, oder der heißen Quellen von Dax Erwähnung zu thun, oder für die kleine spanische Stadt Tolosa sich voll Verwunderung anzumerken, daß alle Straßen mit Steinen gepflastert seien. Derartige kleine Bemerkungen, die zum Teil ein willkommenes Streiflicht auf die damaligen Verhältnisse fallen lassen, finden sich in dem Tagebuch noch manche, wie man aus der Lektüre desselben entnehmen mag.
Nur von der Natur und ihren Schönheiten, die ihm doch im südlichen Frankreich, in Spanien und Portugal auf Schritt und Tritt entgegen getreten sein müssen, findet sich in dem ganzen Büchlein auch nicht ein Sterbenswort. Als die Reisenden, d. h. Örtel und sein Diener, im herrlichen Barcelona ankommen, heißt es nur: »Da ließen wir unsere Pferd beschlagen und unsere Stiefel flicken, kostet mich 6 Real, und blieben den Christabend und den Tag auch da und besahen viele Ding«. Auch in dieser Teilnahmlosigkeit gegen die ihn umgebende Natur zeigt sich der Verfasser noch durchaus als ein Kind des Mittelalters. Weiteren Kreisen das lange nach innen gekehrte oder nur auf die Bedürfnisse des täglichen Lebens gerichtete Auge auch wieder für die Reize der Natur geöffnet und empfänglich gemacht zu haben, ist wesentlich ein Verdienst der Kunst, insbesondere der Renaissancekunst, und gewiß keines ihrer geringsten. Aber freilich: diese Entwicklung vollzog sich nur ganz allmälich und bei dem Einen später als bei dem Andern. Unser Sebald Örtel scheint 1521 von ihr noch so gut wie unberührt gewesen zu sein.
Bei dem Abdruck des Diariums, das ich nunmehr buchstabengetreu folgen lasse, glaubte ich auch die nach Schluß des eigentlichen Tagebuches noch hinzugefügten verschiedenen Marschrouten in gleicher Weise unverkürzt wiedergeben zu sollen; einmal weil unser Abdruck auch für den Forscher die Handschrift völlig zu ersetzen bezweckt, dann weil gerade auch diese Verzeichnisse noch manches Wissenswerte enthalten und die in denselben erscheinenden Ortsnamen nicht selten die oft sehr korrupte Schreibung des Tagebuches zu erklären geeignet sind.[123] Die heutigen Namen der Orte sind, soweit es nötig schien und soweit sie aus den mir zur Verfügung stehenden Landkarten und Reisebüchern zu ermitteln waren, in den Anmerkungen hinzugefügt; Abkürzungen wurden in der Regel aufgelöst.
II.
Das Reisetagebuch des Sebald Örtel.
In nomine domini Jesu Christi 1521