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Der erste längere Aufenthalt, den Wetterhelms wieder in Deutschland nahmen, war dem Umstande zuzuschreiben, daß Georg für längere Zeit beim Auswärtigen Amt in Berlin eingezogen war.

Fünf Jahre waren sie verheiratet, und was Korrektheit der Ansichten anbetraf, so war Monika die Schülerin, die ihren Lehrer übertraf.

Ein bißchen snob geworden, die schöne Frau von Wetterhelm, die sich nur mit einem gelinden Schauer erinnern konnte, einst wilde Gedichte in dem längst dahingeschwundenen „Leuchtturm“ veröffentlicht zu haben.

Auch hatte sie eine dunkle Erinnerung daran, daß sie früher einmal alle Menschen für gleichberechtigt erachtet hatte — jetzt hielt sie nur die Angehörigen verschwindend weniger Berufsarten für „anständig“.

Ja, es kam vor, daß ihr Mann gelegentlich einen leichten Tadel dafür hatte, daß sie ihre Exklusivität übertrieb. Er sagte dann, er sei ein modern denkender Mensch und neige sogar zu liberalen Ansichten.

Er wußte selbst nicht, daß dies Redensarten waren, wußte selbst nicht, daß er im tiefsten Grunde seines Wesens auch nicht das winzigste Teilchen seines Junkertums der modernen Zeit geopfert.

Aber Monika wußte es, fühlte es.

Sie hatte seine Anschauungen in sich aufgenommen, und sie trieb diese Ansichten nun auf die Spitze.

Mehr noch als ihr Gatte spöttelte sie jetzt über zur Schau getragene Gefühlsregungen. Ihr Herz, das einst so warm geschlagen, ihre ganze heißblütige Persönlichkeit erstarrte langsam, wie ein wilder Bach unter einer Eisdecke erstarrt. Sie hatte früher so leicht und so schnell verziehen, hatte immer einen guten Gedanken, ein gutes Wort gehabt für die Fehler von anderen.