Freundinnen sah sie keine. Als sie noch junges Mädchen war, hatten sich ihre Freundschaften immer so gestaltet, daß die andere zu ihr aufsah, mehr die Rolle einer untergeordneten Begleiterin als die einer Gleichberechtigten spielte. Jetzt aber hatte sie überhaupt keine Zeit mehr für Freundschaften.

Mit ihrer Cousine Bertha, die sie sofort aufgesucht, fand sie nicht mehr den kameradschaftlichen Ton von früher. Monikas Art hatte ja jetzt etwas Gönnerhaftes, was bei Bertha gänzlich unangebracht war. Denn Bertha war jetzt ein „modernes Weib“.

Man spürte in ihr nichts mehr von dem warmherzigen, naiven Mädchen, das sie vor fünf Jahren gewesen, als sie mit Monika zusammen die Gymnasialkurse besucht. Sie lächelte jetzt verächtlich, wenn sie daran erinnert wurde, wie sehr sie damals jedes Mädchen beneidete, das sich verlobte oder gar verheiratete.

O, jetzt war sie weit entfernt davon, sich „unter das Joch des Mannes zu beugen“. Sie studierte jetzt im fünften Semester Philologie. In Kleidung und Frisur trug sie eine puritanische Einfachheit zur Schau. Mitunter wurde sie damit geneckt, wie sehr sie vor fünf Jahren für rosa Kleider, seidene Unterröcke, gebrannte Stirnlöckchen geschwärmt.

Solche Bemerkungen nahm sie durchaus nicht lächelnd auf, sondern setzte dann auseinander, daß sie damals eben noch ein ganz urteilsloses Geschöpf gewesen, daß aber inzwischen ihr Bildungsgang, ihre Kameradinnen — alles — sie dahin aufgeklärt habe, daß eine völlige Umwertung aller Werte des Frauendaseins zu erfolgen habe!

Ein freier, selbständiger, unabhängiger Mensch müsse die Frau sein, frei von dem Sklaventum der Ehe! Man sähe ja, was bei den Ehen herauskam! Z. B. wie unglücklich hätte sich die Ehe von Monikas Cousine Frau von Hammerhof gestaltet! Ihr Sohn solle ja ganz nett sein, aber mit dem Gatten stände Marie Hammerhof sich spottschlecht. Das hatte Bertha von den verschiedensten Seiten gehört.

Und Bertha sei ihrer Mutter jetzt dankbar, daß sie ihr beizeiten den einzigen Weg des Heils für die Frau gewiesen: die Emanzipation! — — — — — Frau von Holtz dagegen, die Marie sozusagen gezwungen, den ersten besten zu heiraten, bloß weil sie in heiratsfähigem Alter war, — die würde ja jetzt genug Zeit und Gelegenheit haben, ihren eigenen Unverstand zu bedauern.

In der Tat war Maries Ehe eine unglückliche. Das sah Monika, als sie das Hammerhofsche Ehepaar einmal bei ihrer Mutter traf.

Hammerhofs waren auf der Durchreise nach Ems, wo ihr Sohn, der vierjährige Kurt, eine Kur gebrauchen sollte. Der Kleine hatte so zarte Bronchien. „Ein Erbteil von mir,“ sagte Marie mit verbissenem Gesichtsausdruck. Sie war überschlank geblieben, wie sie es als junges Mädchen gewesen; auch ihr Wesen war noch das gleiche: ihre brüske Aufrichtigkeit, ihre herbe Art.

Wohl wußten alle, die sie näher kannten, daß hinter dieser Schroffheit sich ein tadellos anständiger Charakter, eine pflichtbewußte ernste Natur verbarg, aber ihre Art, der jede Grazie fehlte, die nichts von weiblicher Weichheit besaß, ließ es nicht unverständ lich erscheinen, daß ihr Mann nicht gern in seiner Häuslichkeit weilte.