Und dann, nach einer Weile fuhr die harte Stimme fort:
„Nein, er liebte mich nie. Er war immer ganz unpersönlich zu mir. Er betrachtete mich wie eine mathematische Formel, die er auflösen müsse. Er analysierte mich, meine körperlichen und meine seelischen Eigenschaften, und eines schönen Tages sagte er mir: „Wissen Sie, Edith, Sie sind eigentlich viel zu schade, um hier als Töchterschullehrerin zu versauern. Sie haben das Zeug dazu, im Leben etwas zu erreichen. Gehen Sie hinaus ins Leben.“ — —
Und ich ging! Uebrigens erst, nachdem ich eingesehen hatte, daß er weiter absolut nichts für mich übrig hatte als diesen guten Rat.“
„Nach Zürich gingen Sie?“
„Ja — und nachdem man mich, als Mädchen aus guter Familie, jahrzehntelang mit Redensarten über die menschliche Würde gefüttert, mit beson derer Berücksichtigung der weiblichen Würde, des Wertes einer streng sittlichen Lebensauffassung und so weiter... griff ich zum Studium der Medizin. Die klärt uns am besten auf über die Gottähnlichkeit der Menschen.“
Ein häßliches Lachen kam aus ihrem Munde.
„Und sind Sie seit dieser Aufklärung glücklicher?“
„Nein, durchaus nicht. Mein Glück würde auf ganz anderem Gebiete liegen.“
„Auf dem der Liebe?“
„Kaum. Reich möchte ich sein, mir alles Schöne kaufen — so viel Schönes, erdrückend viel, um nicht mehr an all das Häßliche zu denken, das ich in meinem Leben gesehen habe. Um mir die Seele frei zu machen von all dem nüchternen Alltag, der zeitlebens auf ihr gelastet!... Und genießen, ach, Macht genießen... wie das sein muß für jemand, der sein ganzes Leben lang immer kuschen mußte: Macht genießen!“