‚Es gibt ein Glück, das ohne Reu’!‘“

Gedankensprung

Am Abend war die ganze Familie um den großen Tisch im Eßzimmer versammelt. Sogar Alfred war erschienen, Alfred, der sonst seine Abende außerhalb des Hauses zubrachte, vage Erklärungen für sein Fernbleiben gab, die niemand ihm glaubte, seine Mutter am wenigsten.

Sie war von einem beständigen Mißtrauen gegen Alfred erfüllt. Für diesen ältesten Sohn hatte sie nie viel übrig gehabt — von seiner Geburt an nicht.

Warum, war ihr selbst unklar.

Doch Alfreds Verhalten ließ ihren Mangel an Zuneigung oft recht gerechtfertigt erscheinen; er war alles andere eher als ein guter Charakter. Er war bei allen, die ihn kannten, seiner Boshaftigkeit wegen gefürchtet; es gab kaum ein größeres Vergnügen für ihn, als seine Bekannten gegenseitig aufeinanderzuhetzen. Er lernte ungern, war faul und genußsüchtig — dabei unleugbar von glänzender Begabung. Doch diese Begabung hatte etwas merkwürdig Partielles. In vielen Fächern leistete er absolut nichts, in anderen war er unübertrefflich. Er war ein mißtrauischer Charakter, der bei allen anderen Böses witterte, mitunter aber überraschte er durch einen Zug von Gutmütigkeit.

Auch seine äußere Erscheinung wies kein einheitliches Gepräge auf. Sein kräftiger Körperbau und seine breiten Schultern ließen auf einen hochgewachsenen Menschen schließen, aber er erreichte kaum das Mittelmaß.

Mit seinem Gesicht konnte er dagegen zufrieden sein. In der Tat war dieses Gesicht sehr schön — alle Züge von vollendeter Regelmäßigkeit. Er hatte kalte, blaue Augen und einen üppig geschwungenen, auffallend roten Mund, dessen Inkarnat noch leuchtender erschien durch den dunkeln Flaum auf der Oberlippe.

Mit der Mutter stand Alfred in sehr gespannten Beziehungen, mit den Geschwistern kühl.

Ueber Monikas Kommen heute hatte er anscheinend auch keine Freude empfunden.