Am Flußufer war Leben. Der Boden war mit jungem Gras und gelben Gänseblümchen bedeckt, das rostfarbene Gezweig der Tamarisken zeigte die ersten Spuren des Frühlings. Ich sprengte auf die große Brücke mit dem Balkendach und den Seiten aus Gitterwerk zu — auf dieses Tor zur Wüste, das dem Reisenden einen tiefen Eindruck hinterläßt. Da lag der freie, mit kurzem Gras bewachsene, von den Schlammbänken begrenzte große Platz, den ich so gut in der Erinnerung hatte, und — dem Himmel sei Dank — er war leer. Wir hatten Ursache zur Besorgnis in dieser Hinsicht gehabt. Die türkische Regierung zog in dieser Zeit alle verfügbaren Truppen zusammen, um den Aufstand in Jemen zu unterdrücken. Die Regimenter des südlichen Syriens zogen über die Brücke nach 'Ammān, von wo sie mit der Bahn auf der Mekkalinie bis zu der damaligen Endstation Ma'ān, in der Nahe von Petra, befördert wurden. Von Ma'ān aus führte sie ein schrecklicher Marsch durch eine Sandwüste an die Spitze des Golfes von 'Akaba. Viel hundert Mann, viel tausend Kamele kamen um, ehe das Ziel erreicht war, denn auf dem ganzen Wege gibt es (so sagen die Araber) nur drei Brunnen, von denen der eine ungefähr zwei Meilen abseits der Heerstraße liegt und allen denen unauffindbar ist, die nicht mit dem Lande vertraut sind.
Jordanbrücke.
Wir errichteten unsere Zelte, pflöckten die Pferde an und entzündeten ein mächtiges Feuer aus Weiden- und Tamariskenholz. Es war eine ruhige, trübe Nacht, auf den Bergen regnete es, — bei uns nicht. Die jährliche Regenmenge beläuft sich auf nur wenige Zoll im Jordantal. Wir waren nicht allein. Die türkische Regierung erhebt nämlich von allen Brückenpassanten einen kleinen Zoll und hat zu diesem Zweck einen Wächter dort stationiert. Er wohnt in einer Lattenhütte neben dem Brückentor, und zwei oder drei zerlumpte Araber aus el Ghor teilen seine Einsamkeit. Einer derselben, ein grauhaariger Neger, sammelte Feuerholz für uns und durfte zur Belohnung die Nacht bei uns verbringen. Er war eine vergnügte Seele, dieser Mabūk. Unbekümmert darum, daß ihn die Natur mit einer außergewöhnlich häßlichen Mißgestalt bedacht hatte, tanzte er munter um das Lagerfeuer. Er erzählte gern von den Soldaten, den armen Burschen, die schon auf ihrer ersten Tagereise zerlumpt, mit zerfetzten Schuhen, dazu halb verhungert bei der Brücke ankamen. Am selben Morgen war ein Tābūr (900 Mann) durchgezogen, andere wurden morgen erwartet — wir hatten sie gerade verfehlt. »Mascha'llah!« sagte Michaïl, »Euer Exzellenz haben Glück. Erst entrinnen Sie den Schlammhängen und nun den Redīfs.« — »Gelobt sei Gott!« murmelte Mabūk, und von dem Tage galt es für besiegelt, daß ich unter einem glücklichen Stern reiste. Mabūk brachte uns auch die erste Kunde aus der Wüste. Unaufhörlich sprach er von Ibn er Raschīd, dem jungen Häuptling der Schammār, dem sein mächtiger Onkel Mohammed einen so unsicheren Landbesitz in Zentral-Arabien als Erbe hinterlassen. Zwei Jahre lang hatte ich nichts von Nedjd gehört — und was machte Ibn Sa'oud, der Beherrscher von Rīad und Ibn er Raschīds Nebenbuhler? Wie stand der Krieg zwischen ihnen? Mabūk hatte allerlei gehört, es hieß, Ibn er Raschīd sei in die Enge getrieben; vielleicht zogen die Redīfs gar nach Nedjd und nicht nach Jemen, — wer weiß? Hatten wir auch schon gehört, daß die 'Ajārmeh einen Scheich der Suchūr ermordet hatten, gerade als der Stamm aus dem östlichen Weideland zurückkehrte? So lief das übliche Gespräch; die Themen der Wüste — blutige Fehde und Kameldiebstahl — alle wurden sie erörtert, ich hätte vor Freude weinen mögen, als ich ihnen wieder lauschte. Ein wahres Babel von arabischen Dialekten herrschte an diesem Abend um mein Feuer: Michaïl sprach das gewöhnlich klingende, jeder Vornehmheit entbehrende Jerusalemisch, Habīb drückte sich, außerordentlich schnellsprechend, im Dialekt des Libanon aus, und Mohammed hatte den langgezogenen, monoton beirutischen Akzent, während die Lippen des Negers ein der schönen, kraftvollen Beduinensprache ähnelndes Idiom formulierten. Selbst den Männern fiel die Verschiedenartigkeit der Dialekte auf, und sie wandten sich an mich mit der Frage, welches der richtige sei. Ich konnte nur erwidern: »Das weiß Gott allein, denn er ist allwissend!« eine Antwort, die mit Lachen aufgenommen wurde, obgleich ich gestehen muß, daß ich sie nur zaghaft äußerte.
Kloster Mar Saba in der Wüste von Judäa.
Grau und windstill brach der Morgen herein. Vom Augenblick meines Erwachens an bis zum Aufbruch waren 1½ Stunden für Vorbereitungen festgesetzt; manchmal kamen wir zehn Minuten früher fort, manchmal leider auch später. Die Wartezeit verplauderte ich mit dem Brückenwärter, einem Jerusalemer Kind. Er vertraute meinem mitleidigen Ohr all seine Kümmernisse, die Streiche, die ihm die Ottomanische Regierung zu spielen pflegte, und die Schwere des Daseins in den heißen Sommermonaten. Und dann das Gehalt! ein reines Nichts! Sein Einkommen war jedoch größer, als er einzugestehen beliebte, denn ich entdeckte in der Folge, daß er für jedes meiner sieben Tiere drei statt zwei Piaster gefordert hatte. Es ist sehr leicht, sich gut mit den Orientalen zu stellen, und wenn sie ein Entgelt für ihre Freundschaft verlangen, so ist es gewöhnlich sehr bescheiden. Wir überschritten den Rubikon für drei Piaster pro Kopf und schlugen den nordwärts nach Salt führenden Weg ein. Der südliche geht nach Mādeba in Moab, der mittlere aber nach Heschbān, wo der schurkische Sultan ibn 'Ali id Diāb ul 'Adwān, der große Scheich aller Belkaaraber, wohnt. Die Ostseite des Jordantales ist viel fruchtbarer als das Westufer. Liefern doch die schönen Höhen von Ajlun Wasser genug, um die ganze Ebene in einen Garten zu verwandeln, aber das kostbare Naß wird nicht aufgespeichert, und die Araber vom Stamme 'Adwān begnügen sich damit, ein wenig Korn zu erbauen. Noch war die Zeit des Blühens nicht gekommen. Ende März aber ist das Ghor ein einziger Teppich aus den verschiedenartigsten lieblichen Blüten, die alle freilich nur einen Monat lang die sengende Hitze des Tales ertragen können, ja, dieser einzige Monat sieht die Pflanzen knospen, blühen und reifen Samen tragen. Ein armseliger Araber zeigte uns den Weg. Er war gekommen, um sich den Redīfs zuzugesellen, da ein wohlhabender Einwohner von Salt ihn gegen ein Entgelt von 50 Lire als Ersatzmann gedungen hatte. Aber er kam zu spät; als er die Brücke erreichte, war sein Regiment schon vor zwei Tagen durchmarschiert. Es tat ihm leid, denn gern wäre er dem Krieg entgegengezogen, — überdies mußte er auch wahrscheinlich die 50 Lire zurückerstatten — aber seine Tochter würde sich freuen, denn sie hatte beim Abschied geweint. Er stand still, um seinen Lederpantoffel aus dem Schlamm zu ziehen.
»Nächstes Jahr,« sprach er, nachdem er mich wieder eingeholt, »werde ich, so Gott will, nach Amerika gehen.«
Verwundert betrachtete ich die halbnackte Gestalt, die bloßen Füße in den zerrissenen Schuhen, den zerlumpten, von den Schultern gleitenden Rock, den Wüstenturban aus einem Tuch und Schnüren von Kamelshaar hergestellt.
»Kannst du Englisch?« fragte ich.