Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet 145
Noch zweifelnd jede Brust und bebet,
Und huldiget der furchtbarn Macht,
Die richtend im Verborgnen wacht,
Die, unerforschlich, unergründet,
Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht, 150
Dem tiefen Herzen sich verkündet,
Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.
Da hört man auf den höchsten Stufen
Auf einmal eine Stimme rufen:
"Sieh da, sieh da, Timotheus, 155
Die Kraniche des Ibykus!"—
Und finster plötzlich wird der Himmel,
Und über dem Theater hin
Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel
Ein Kranichheer vorüberziehn. 160
"Des Ibykus!" — Der teure Name
Rührt jede Brust mit neuem Grame,
Und wie im Meere Well' auf Well',
So läuft's von Mund zu Munde schnell:
"Des Ibykus? den wir beweinen? 165
Den eine Mörderhand erschlug?
Was ist's mit dem? Was kann er meinen?
Was ist's mit diesem Kranichzug?"
Und lauter immer wird die Frage,
Und ahnend fliegt's mit Blitzesschlage 170
Durch alle Herzen: "Gebet acht,
Das ist der Eumeniden Macht!
Der fromme Dichter wird gerochen,
Der Mörder bietet selbst sich dar—
Ergreift ihn, der das Wort gesprochen, 175
Und ihn, an den's gerichtet war!"
Doch dem war kaum das Wort entfahren,
Möcht' er's im Busen gern bewahren;
Umsonst! der schreckenbleiche Mund
Macht schnell die Schuldbewußten kund. 180
Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
Die Szene wird zum Tribunal,
Und es gestehn die Bösewichter,
Getroffen von der Rache Strahl.
* * * * *
19. DAS VERSCHLEIERTE BILD ZU SAIS
Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst
Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester
Geheime Weisheit zu erlernen, hatte
Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt;
Stets riß ihn seine Forschbegierde weiter, 5
Und kaum besänftigte der Hierophant
Den ungeduldig Strebenden. "Was hab ich,
Wenn ich nicht alles habe?" sprach der Jüngling.
"Gibt's etwa hier ein Weniger und Mehr?
Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück 10
Nur eine Summe, die man größer, kleiner
Besitzen kann und immer doch besitzt?
Ist sie nicht eine einz'ge, ungeteilte?
Nimm Einen Ton aus einer Harmonie,
Nimm Eine Farbe aus dem Regenbogen, 15
Und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang'
Das schöne All der Töne fehlt und Farben."
Indem sie einst so sprachen, standen sie
In einer einsamen Rotonde still,
Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße 20
Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert
Blickt er den Führer an und spricht: "Was ist's,
Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?"—
"Die Wahrheit", ist die Antwort.—"Wie?" ruft jener,
"Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese 25
Gerade ist es, die man mir verhüllt?"
"Das mache mit der Gottheit aus", versetzt
Der Hierophant. "Kein Sterblicher, sagt sie,
Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
Und wer mit ungeweihter, schuld'ger Hand 30
Den heiligen, verbotnen früher hebt,
Der, spricht die Gottheit"—"Nun?"—"Der sieht die Wahrheit."
"Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst,
Du hättest also niemals ihn gehoben?"