98. DER LETZTE BAUM

So wie die Sonne untergeht,
Gibt's einen letzten Baum,
Der wie in Morgenflammen steht
Am fernsten Himmelsraum.

Es ist ein Baum und weiter nichts,^ 5
Doch denkt man in der Nacht
Des letzten wunderbaren Lichts,
So wird auch sein gedacht.

Auf gleiche Weise denk' ich dein,
Nun mich die Jugend läßt, 10
Du hältst mir ihren letzten Schein
Für alle Zeiten fest.

GOTTFRIED KELLER

99. AN DAS VATERLAND

O mein Heimatland! O mein Vaterland!
Wie so innig, feurig lieb' ich dich!
Schönste Ros', ob jede mir verblich,
Duftest noch an meinem öden Strand!

Als ich arm, doch froh, fremdes Land durchstrich, 5
Königsglanz mit deinen Bergen maß,
Thronenflitter bald ob dir vergaß,
Wie war da der Bettler stolz auf dich!

Als ich fern dir war, o Helvetia!
Faßte manchmal mich ein tiefes Leid; 10
Doch wie kehrte schnell es sich in Freud',
Wenn ich einen deiner Söhne sah!

O mein Schweizerland, all mein Gut und Hab'
Wann dereinst die letzte Stunde kommt,
Ob ich Schwacher dir auch nichts gefrommt, 15
Nicht versage mir ein stilles Grab!