»Hattest du kein Heimweh?« fragte der Junge.

Der Weltumsegler schüttelte den Kopf.

»Nein, Heinrich. Da war der Heimatswimpel schon, er lag nur ganz zu unterst in meiner Teakholzkiste. Einmal hätte ich ihn schon aufgeholt, aber erst wollte ich noch mehr sehen, immer mehr. Die Welt war ja so groß und wurde immer größer. Junge, du weißt ja nicht, wie es auf dem Kai von Singapore wimmelt von Menschen, braun, schwarz, gelb und weiß, wie schön die Sonne auf dem Golf von Neapel blinkt, wie eigen einem das Nordlicht vorkommt, wie viel klarer im Süden die Sterne sind, wie im Atlantik der Sturm rast, wie es tut, wenn man hundert Tage auf dem Wasser gewesen ist und dann einen dunklen Streifen vor sich sieht. Wie Kolumbus begrüßt du dein Indien. Und glücklich habe ich gefahren, immer gute Reisen, kein Schiffbruch, keine Havereien, keine Krankheit ... bis Maracaibo. Ich tausche mit denen nicht, die bis Altona oder Helgoland gekommen sind. Ich habe gelebt.«

Er verpustete sich einen Augenblick und schob sich das Kopfkissen unter den Rücken.

»Nun bin ich krank. Auf den Tod krank. Und kann nicht den kleinen Finger rühren, ohne mir weh zu tun. Und habe keinen Willen mehr, als den: nur erst still zu sein, nur erst unter der Erde zu liegen. Ich kann kaum sitzen und habe bei Sturm und Nacht auf der Ra gestanden. Wäre ich hinuntergeweht. Aber so hinzuschmelzen, wie der Schnee im Frühjahr, der auch wochenlang liegen bleibt. Und so schwach und klein zu werden, das ist bös, Heinrich! So zu liegen und zu jammern.«

Der Fieberfrost schüttelte ihn.

»Lach mich aus, Heinrich! Du bist gesund und die Gesunden tun am besten, wenn sie über die Kranken lachen... Und hör' nicht auf mein Klagen, Heinrich. Wenn es zu weh tut, jammere ich mitunter, daß es schlecht gewesen und verkehrt von mir zu fahren. Es war nicht verkehrt, Junge! Es war recht, war schön, schön und gut. Windstille, Regen, Nebel, Sturm: alles war schön.«

»Sprich nicht so viel, Gorch. Es tut dir weh.«

»Nicht lange mehr, Heinrich... Heinrich! Du kommst nun Ostern aus der Schule und willst zur See. Aber du sollst nicht, weil es mit mir schief gegangen ist, und weil Vater und Jan geblieben sind. Sie raten dir alle ab, ich höre es ja jeden Tag. Und ich soll dir auch abraten. Aber ich rate dir zu, Heinrich! Glaube mir, es ist draußen doch schöner als binnen, und auf See weht die reinste Luft und am besten schläft es sich, wenn die Seen an der Schiffswand plätschern und glucksen. Die Welt ist nicht so fremd, Heinrich, wie sie erzählen, wenn sie um den Ofen sitzen. Sie ist bloß groß. Sie wollen dich Jungen dumm schnacken, dich breitschlagen... hör' nicht darauf ... sie sind jung gewesen und können die Jungen nicht mehr verstehen.«

Heinrich sah ihn fest an.