Und dann horchten sie auf den schon halb verschollenen Lärm, dem sich noch die Rufe mühsam entrangen:

»Ditmer Koel schall leben: een, twee, dree ...«


Ditmer Koel sollte leben: er lebte – und es kamen der Tag und die Flut, die ihn mit der hamburgischen Kriegsflotte, den Kraffeln (Caravellen) und Bojers, bei raumem Wind die Elbe heraufbrachte. Mit den erbeuteten Koggen war das Geschwader zehn Schiffe stark und nahm den ganzen Strom ein. Von allen Toppen flatterten die Wimpel. Am Hafen war kein Platz unbestanden: es wimmelte am ganzen Ufer von Menschen, die den Seeräuber und seine Maaten sehen wollten. Der Katarinenglöckner läutete die Glocken.

Der Admiral Ditmer Koel, mit dem bloßen Schwert gegürtet, trug in der Rechten trotzig die zerschossene Flagge des Seeräubers. Er war immer ein hoher, aufrechter Mann gewesen: aber nie ist er größer und gewaltiger erschienen als an diesem Tage, auch dann nicht, als er Ratmann und Bürgermeister geworden war. Sein Gesicht war erregt; nur als er seine Tochter erblickte, die in einem Kränzlein ihrer Altersgenossinnen stand, lief ein freudiges Lächeln über seine Züge. Neben ihm gingen die Schiffer Simon Parseyal, Klaus Hasse und Dietrich von Minden und wechselten hier und da einige Worte mit den ihnen bekannten Bürgern.

Pfeifen- und Trommelklang nahte. Fünf Fähnlein folgten, und hinter ihnen schritt, geleitet von zwei Edelleuten, der Seeräuber Klaus Kniphof, der Hauptmann. Der jugendliche, vierundzwanzigjährige Kopenhagener sah blaß aus, doch war nichts Unmännliches in seinem Gesicht. Er war barhäuptig und trug ein weiches Hemd, dessen Ärmel von Kugeln durchlöchert waren, ein zugeschnittene Wams und blaue Hosen. Hinter ihm gingen die hamburgischen Hauptleute, die Kriegsknechte und das Schiffsvolk, in ihrer Mitte die Menge der einhundertzweiundsechzig Seeräuber, gefesselt und gekettet.

Als Klaus Kniphof die Gruppe der schönen Mädchen gewahrte, sah er mit großen hungrigen Augen hin. Er war von Jugend auf Seemann gewesen und hatte nach den Hoffrauen Karstens von Dänemark und Margaretens von Burgund nur braune, friesische Muschelsucherinnen gesehen: da war ihm der Anblick dieser weißen, glänzenden Jugend wie ein Blick in die Sonne. Ditmer Koels Tochter erschauerte bis ins Herz vor seinen Augen, und ihr verging Lachen und Neugierde zugleich. Die Trommeln wirbelten dumpf: der Zug ging weiter. Die Mädchen wurden von Mitleid ergriffen und erzählten von dem Jüngling, der dem flüchtigen Dänenkönig sein Reich hatte zurückerobern wollen und dabei ein Seeräuber geworden war. Ditmer Koels Tochter stand wie im Traum und sagte kein Wort. Sie sah nur dem Hauptmann mit dunklen Augen nach, und er erwuchs ihr zum treuesten Helden, zum Hagen, der für seinen König in Not und Tod gegangen war. Es war mehr als Mitleid, was sie erfüllte, und in ihrer Mädchenseele regte sich unbewußt ein namenloses Geschöpf, das Weib. Da haßte sie beinahe ihren Vater, dessen gewaltiges Haupt alles Volk überragte. Dann wieder sah sie unverwandt nach dem blonden Scheitel des Dänenhauptmannes.

Ihre Freundinnen hatten genug zu gucken und achteten nicht sonderlich auf sie: aber einem Mannesblick blieb nicht verborgen, was in ihr vorging. In der hintern Reihe, nicht weit von ihr, hatte schon lange ein bleicher, junger Mönch gestanden und sich schier nicht satt sehen können an ihrem lieblichen Gesicht und ihrer schlanken Gestalt. Stefan Kempe war es, der »Ketzermönch« aus dem Magdalenenkloster, einer von den Lutherischen. Seit drei Jahren schon hing seine Feuerseele dem Wittenberger Doktor an, und er predigte laut und unerschrocken das lautere Gotteswort, dem Volk zu freudigem Aufhorchen, den Papisten zu großem Ärgernis. Viel verklagt und verdächtigt, geschmäht und gescholten, blieb er unverzagt bei der neuen Lehre und vertraute seinem Gott. Im Anschauen des reinen Mädchens stieg wie ein Stern am Himmel in seiner Seele der Gedanke an einen lieben Kameraden in ihm auf und bekränzte sein Herz mit roten Rosen: er dachte daran, alle Fesseln zu sprengen, das dunkle Gewand abzulegen und sein Leben zu krönen, wie Luther es getan hatte, als er die Nonne freite.

Da aber sah er, wie Ditmer Koels Tochter nach dem Seeräuber sah, und er fühlte, wie seine Augen schmerzten. Leise wandte er sich ab und ging davon.

Die Arbeitsleute aber spotteten der Seeräuber, und derbe holländische und dänische Flüche schollen hinwider.