Einen Tag danach verließen eine alte Frau und eine verschleierte Nonne in aller Stille die Stadt. Stefan Kempe stand am Klostertor und sah ihnen lange nach. Wunderliche Gedanken wehten über sein Herz, und sein Gewissen schlug, weil er nicht wußte, ob er recht getan hatte. Er lag vor seinem Gott auf den untersten Stufen und sollte Raubmörder und Seeräuber trösten und dem Volk einen neuen, freudigen Glauben predigen! Und sein Kamerad zog für einen anderen davon ...


Den Morgen dann, als die Greisin reise- und lebensmüde vor der hohen Frau Margarete zu Boden sank, daß Graf Egmont sie aufrichten mußte, als Ditmer Koels Tochter kühn und dringend für Klaus Kniphof sprach und die Herzogin an Brief und Wort mahnte, ohne mehr erreichen zu können als ein rasches Wort Egmonts, einen ausweichenden Spruch Margaretens und eine abweisende Entscheidung des düsteren Oranien – da läutete das Armsünderglöcklein von St. Katrinen zu Hamburg und die Winser Wache brachte Klaus Kniphof nach dem Brook. Stefan Kempe ging an seiner Seite: Der Seeräuber war gefaßt. Er hatte das bunte Leben und die weite See fahren lassen und sich in Gott ergeben. In dieser letzten Stunde sagte ihm Stefan Kempe, daß die beiden Frauen nach Brüssel gereist seien. Kniphof schüttelte den Kopf – er glaubte nicht mehr an die Burgunderin, aber es war ihm doch ein Trost, daß seine Mutter ihn nicht diesen Weg gehen sah. Dann fragte er nach seinen Leuten. Und schließlich wollte er den Namen des schönen Mädchens wissen. Da sagte ihm der Mönch, daß sie des Mannes Tochter sei, der in der ersten Reihe säße und am ernstesten drein schaue. Und Kniphof sah auf und erkannte seinen gewaltigen Widersacher Ditmer Koel.

Danach aber mußte er im Angesicht der blauen Elbe den Nacken beugen.


Grauer nordischer Nebel lag auf der Stadt. Stefan Kempe, der Mönch, stand auf offenem Markt und predigte das lautere Wort der Bibel. Schiffer und Handwerker, Bürger und Freunde umdrängten ihn, denn er war des Wortes mächtig und sprach freundlich und gewaltig zugleich. Noch hätte er keine Kirche, sagte er, noch müsse er in Wind und Wetter reden, aber das Licht, das zu Wittenberg angesteckt sei, könne kein Wind und kein Wetter mehr verlöschen, und er werde nicht ruhen, bis es in allen Kirchen Hamburgs brenne. Es geriet aber ein Haufe von Papisten hinzu, die ihn mit Geschrei und Gegenrede zu stören versuchten und ihn überteufeln wollten. Er wurde Ketzer und Volksaufwiegler gescholten. Man werde ihn beim Rat verklagen. Der Mönch wich nicht: immer gewaltiger erhob er seine Stimme, und immer mehr Volk strömte ihm zu.

Da geschah es, daß ein Ratmann zu ihm trat und ihm sagte, er sei ein alter Schiffer und verstünde sich auf Wolken und Wind: es würde gleich regnen, darum wäre es besser, wenn er auf die Katrinenkanzel stiege. Stefan Kempe lächelte und begab sich mutig mit seinem Volk in die Kirche. Die Papisten aber liefen ob des neuen Greuels wutschnaubend nach dem Rathaus und erhoben ein wildes Geschrei über den Ketzer.


Als der Mönch dann in der Dämmerung seinem Kloster zuschritt, folgte ihm eine Nonne, die mit in der Kirche gewesen war. Und als er sich umwandte nach diesem Schatten, da erkannte er Ditmer Koels Tochter. Sie sagte ihm von Burgund, und daß sie Klaus Kniphofs Mutter zu Osnabrück begraben hätte: die Kunde von der Hinrichtung hätte sie getötet. Sie wolle nun in ein Kloster gehen und still leben.