in sieben Fabeln

1.

Der böse Wolf war zu Jahren gekommen und faßte den gleißenden
Entschluß, mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß zu leben. Er
machte sich also auf und kam zu dem Schäfer, dessen Horden seiner
Höhle die nächsten waren.

"Schäfer", sprach er, "du nennst mich den blutgierigsten Räuber, der ich doch wirklich nicht bin. Freilich muß ich mich an deine Schafe halten, wenn mich hungert; denn Hunger tut weh. Schütze mich nur vor dem Hunger; mache mich nur satt, und du sollst mit mir recht wohl zufrieden sein. Denn ich bin wirklich das zahmste, sanftmütigste Tier, wenn ich satt bin."

"Wenn du satt bist? Das kann wohl sein", versetzte der Schäfer. "Aber wann bist du denn satt? Du und der Geiz werden es nie. Geh deinen Weg!"

2.

Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schäfer.

"Du weißt, Schäfer", war seine Anrede, "daß ich dir das Jahr durch manches Schaf würgen könnte. Willst du mir überhaupt jedes Jahr sechs Schafe geben, so bin ich zufrieden. Du kannst alsdann sicher schlafen und die Hunde ohne Bedenken abschaffen."

"Sechs Schafe?" sprach der Schäfer, "das ist ja eine ganze Herde!"

"Nun, weil du es bist, so will ich mich mit fünfen begnügen", sagte der Wolf.