Orsina (wie betäubt). Hab ich? hab ich wirklich?
Marinelli. Wirklich.
Orsina (mit Rührung). "Ich bin beschäftiget. Ich bin nicht allein." Ist das die Entschuldigung ganz, die ich wert bin? Wen weiset man damit nicht ab? Jeden Überlästigen, jeden Bettler. Für mich keine einzige Lüge mehr? Keine einzige kleine Lüge mehr, für mich? —Beschäftiget? womit denn? Nicht allein? wer wäre denn bei ihm?—Kommen Sie, Marinelli; aus Barmherzigkeit, lieber Marinelli! Lügen Sie mir eines auf eigene Rechnung vor. Was kostet Ihnen denn eine Lüge?—Was hat er zu tun? Wer ist bei ihm?—Sagen Sie mir, sagen Sie mir, was Ihnen zuerst in den Mund kömmt—und ich gehe.
Marinelli (vor sich). Mit dieser Bedingung kann ich ihr ja wohl einen
Teil der Wahrheit sagen.
Orsina. Nun? Geschwind, Marinelli, und ich gehe.—Er sagte ohnedem, der Prinz: "Ein andermal, meine liebe Gräfin!" Sagte er nicht so?—Damit er mir Wort hält, damit er keinen Vorwand hat, mir nicht Wort zu halten: geschwind, Marinelli, Ihre Lüge, und ich gehe.
Marinelli. Der Prinz, liebe Gräfin, ist wahrlich nicht allein. Es sind Personen bei ihm, von denen er sich keinen Augenblick abmüßigen kann; Personen, die eben einer großen Gefahr entgangen sind. Der Graf Appiani.
Orsina. Wäre bei ihm?—Schade, daß ich über diese Lüge Sie ertappen muß. Geschwind eine andere.—Denn Graf Appiani, wenn Sie es noch nicht wissen, ist eben von Räubern erschossen worden. Der Wagen mit seinem Leichname begegnete mir kurz vor der Stadt.—Oder ist er nicht? Hätte es mir bloß geträumt?
Marinelli. Leider nicht bloß geträumt!—Aber die andern, die mit dem
Grafen waren, haben sich glücklich hieher nach dem Schlosse gerettet:
seine Braut nämlich und die Mutter der Braut, mit welchen er nach
Sabionetta zu seiner feierlichen Verbindung fahren wollte.
Orsina. Also die? Die sind bei dem Prinzen? Die Braut? und die
Mutter der Braut?—Ist die Braut schön?
Marinelli. Dem Prinzen geht ihr Unfall ungemein nahe.