Niemand wuerde ihnen dieses verdacht haben; denn unstreitig lassen sich auch so noch vortreffliche Stuecke machen; und das Sprichwort sagt, bohre das Brett, wo es am duennsten ist.—Aber ich muss meinen Nachbar nur auch da bohren lassen. Ich muss ihm nicht immer nur die dickeste Kante, den astigsten Teil des Brettes zeigen und schreien. da bohre mir durch! da pflege ich durchzubohren!—Gleichwohl schreien die franzoesischen Kunstrichter alle so; besonders wenn sie auf die dramatischen Stuecke der Englaender kommen. Was fuer ein Aufhebens machen sie von der Regelmaessigkeit, die sie sich so unendlich erleichtert haben!—Doch mir ekelt, mich bei diesen Elementen laenger aufzuhalten.
Moechten meinetwegen Voltairens und Maffeis "Merope" acht Tage dauern und an sieben Orten in Griechenland spielen! Moechten sie aber auch nur die Schoenheiten haben, die mich diese Pedanterien vergessen machen!
Die strengste Regelmaessigkeit kann den kleinsten Fehler in den Charakteren nicht aufwiegen. Wie abgeschmackt Polyphont bei dem Maffei oefters spricht und handelt, ist Lindellen nicht entgangen. Er hat recht, ueber die heillosen Maximen zu spotten, die Maffei seinem Tyrannen in den Mund legt. Die Edelsten und Besten des Staats aus dem Wege zu raeumen; das Volk in alle die Wollueste zu versenken, die es entkraeften und weibisch machen koennen; die groessten Verbrechen, unter dem Scheine des Mitleids und der Gnade, ungestraft zu lassen usw., wenn es einen Tyrannen gibt, der diesen unsinnigen Weg zu regieren einschlaegt, wird er sich dessen auch ruehmen? So schildert man die Tyrannen in einer Schuluebung; aber so hat noch keiner von sich selbst gesprochen.[1]—Es ist wahr, so gar frostig und wahnwitzig laesst Voltaire seinen Polyphont nicht deklamieren; aber mitunter laesst er ihn doch auch Dinge sagen, die gewiss kein Mann von dieser Art ueber die Zunge bringt. Z.E.
—Des Dieux quelquefois la longue patience
Fait sur nous a pas lents descendre la vengeance—
Ein Polyphont sollte diese Betrachtung wohl machen; aber er macht sie nie. Noch weniger wird er sie in dem Augenblicke machen, da er sich zu neuen Verbrechen aufmuntert:
Eh bien, encor ce crime!—
Wie unbesonnen und in den Tag hinein er gegen Meropen handelt, habe ich schon beruehrt. Sein Betragen gegen den Aegisth sieht einem ebenso verschlagenen als entschlossenen Manne, wie ihn uns der Dichter von Anfange schildert, noch weniger aehnlich. Aegisth haette bei dem Opfer gerade nicht erscheinen muessen. Was soll er da? Ihm Gehorsam schwoeren? In den Augen des Volks? Unter dem Geschrei seiner verzweifelnden Mutter? Wird da nicht unfehlbar geschehen, was er zuvor selbst besorgte?[2] Er hat sich fuer seine Person alles von dem Aegisth zu versehen; Aegisth verlangt nur sein Schwert wieder, um den ganzen Streit zwischen ihnen mit eins zu entscheiden; und diesen tollkuehnen Aegisth laesst er sich an dem Altare, wo das erste das beste, was ihm in die Hand faellt, ein Schwert werden kann, so nahe kommen? Der Polyphont des Maffei ist von diesen Ungereimtheiten frei; denn dieser kennt den Aegisth nicht und haelt ihn fuer seinen Freund. Warum haette Aegisth sich ihm also bei dem Altare nicht naehern duerfen? Niemand gab auf seine Bewegungen acht; der Streich war geschehen und er zu dem zweiten schon bereit, ehe es noch einem Menschen einkommen konnte, den ersten zu raechen.
"Merope", sagt Lindelle, "wenn sie bei dem Maffei erfaehrt, dass ihr Sohn ermordet sei, will dem Moerder das Herz aus dem Leibe reissen und es mit ihren Zaehnen zerfleischen.[3] Das heisst, sich wie eine Kannibalin und nicht wie eine betruebte Mutter ausdruecken; das Anstaendige muss ueberall beobachtet werden." Ganz recht; aber obgleich die franzoesische Merope delikater ist, als dass sie so in ein rohes Herz, ohne Salz und Schmalz, beissen sollte: so duenkt mich doch, ist sie im Grunde ebensogut Kannibalin, als die italienische.—
——Fussnote
[1] Atto III. Sc. I.