Banks hat die naemlichen Worte beibehalten, die Essex ueber die Ohrfeige ausstiess. Nur dass er ihn dem einen Heinriche noch alle Heinriche in der Welt, mitsamt Alexandern, beifuegen laesst.[1] Sein Essex ist ueberhaupt zuviel Prahler; und es fehlet wenig, dass er nicht ein ebenso grosser Gasconier ist als der Essex des Gasconiers Calprenede. Dabei ertraegt er sein Unglueck viel zu kleinmuetig und ist bald gegen die Koenigin ebenso kriechend, als er vorher vermessen gegen sie war. Banks hat ihn zu sehr nach dem Leben geschildert. Ein Charakter, der sich so leicht vergisst, ist kein Charakter, und eben daher der dramatischen Nachahmung unwuerdig. In der Geschichte kann man dergleichen Widersprueche mit sich selbst fuer Verstellung halten, weil wir in der Geschichte doch selten das Innerste des Herzens kennenlernen: aber in dem Drama werden wir mit dem Helden allzu vertraut, als dass wir nicht gleich wissen sollten, ob seine Gesinnungen wirklich mit den Handlungen, die wir ihm nicht zugetrauet haetten, uebereinstimmen oder nicht. Ja, sie moegen es, oder sie moegen es nicht: der tragische Dichter kann ihn in beiden Faellen nicht recht nutzen. Ohne Verstellung faellt der Charakter weg; bei der Verstellung die Wuerde desselben.
Mit der Elisabeth hat er in diesen Fehler nicht fallen koennen. Diese Frau bleibt sich in der Geschichte immer so vollkommen gleich, als es wenige Maenner bleiben. Ihre Zaertlichkeit selbst, ihre heimliche Liebe zu dem Essex hat er mit vieler Anstaendigkeit behandelt; sie ist auch bei ihm gewissermassen noch ein Geheimnis. Seine Elisabeth klagt nicht, wie die Elisabeth des Corneille, ueber Kaelte und Verachtung, ueber Glut und Schicksal; sie spricht von keinem Gifte, das sie verzehre; sie jammert nicht, dass ihr der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem sie ihm doch deutlich genug zu verstehen gegeben, dass er um sie allein seufzen solle, usw. Keine von diesen Armseligkeiten koemmt ueber ihre Lippen. Sie spricht nie als eine Verliebte; aber sie handelt so. Man hoert es nie, aber man sieht es, wie teuer ihr Essex ehedem gewesen, und noch ist. Einige Funken Eifersucht verraten sie; sonst wuerde man sie schlechterdings fuer nichts, als fuer seine Freundin halten koennen.
Mit welcher Kunst aber Banks ihre Gesinnungen gegen den Grafen in Aktion zu setzen gewusst, das koennen folgende Szenen des dritten Aufzuges zeigen. —Die Koenigin glaubt sich allein und ueberlegt den ungluecklichen Zwang ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der wahren Neigung ihres Herzens zu handeln. Indem wird sie die Nottingham gewahr, die ihr nachgekommen.—
"Die Koenigin. Du hier, Nottingham? Ich glaubte, ich sei allein.
Nottingham. Verzeihe, Koenigin, dass ich so kuehn bin. Und doch befiehlt mir meine Pflicht, noch kuehner zu sein.—Dich bekuemmert etwas. Ich muss fragen,—aber erst auf meinen Knien Dich um Verzeihung bitten, dass ich es frage—Was ist's, das Dich bekuemmert? Was ist es, das diese erhabene Seele so tief herabbeuget?—Oder ist Dir nicht wohl?
Die Koenigin. Steh auf, ich bitte dich.—Mir ist ganz wohl.—Ich danke dir fuer deine Liebe.—Nur unruhig, ein wenig unruhig bin ich,—meines Volkes wegen. Ich habe lange regiert, und ich fuerchte, ihm nur zu lange. Es faengt an, meiner ueberdruessig zu werden.—Neue Kronen sind wie neue Kraenze; die frischesten sind die lieblichsten. Meine Sonne neiget sich; sie hat in ihrem Mittage zu sehr gewaermet; man fuehlet sich zu heiss; man wuenscht, sie waere schon untergegangen.—Erzaehle mir doch, was sagt man von der Ueberkunft des Essex?
Nottingham.—Von seiner Ueberkunft—sagt man—nicht das Beste. Aber von ihm—er ist fuer einen so tapfern Mann bekannt—
Die Koenigin. Wie? tapfer? da er mir so dienet?—Der Verraeter!
Nottingham. Gewiss, es war nicht gut—
Die Koenigin. Nicht gut! nicht gut?—Weiter nichts?