O Tugend! reizend Hirngedicht,
Erdachte Zierde unsrer Seelen!
Die Welt, o Tugend, hat dich nicht:
Doch wirst du auch den Sternen fehlen?
Nein, starbst du gleich bei uns im Abel,
Du selbst bist viel zu schön zur Fabel.
Dort seh ich, mit erstauntem Blick,
Ein glänzend Heer von neuen Welten;
Getrost, vielleicht wird dort das Glück
So viel nicht, als die Tugend, gelten.
Vielleicht dort in Orions Grenzen
Wird, frei vom Wahn, die Wahrheit glänzen!
"Das Übel", schreit der Aberwitz,
"Hat unter uns sein Reich gewonnen."
Wohl gut, doch ist des Guten Sitz
In ungezählten größern Sonnen.
Der Dinge Reihen zu erfüllen,
Schuf jenes Gott mit Widerwillen.
So, wie den Kenner der Natur
Auch Quarz und Eisenstein vergnügen,
Nicht Gold- und Silberstufen nur
In Fächern, voller Lücken, liegen:
So hat das Übel Gott erlesen
Der Welt zur Füllung, nicht zum Wesen.
O nahe dich, erwünschte Zeit,
Wo ich, frei von der Last der Erde,
In wachsender Glückseligkeit,
Einst beßre Welten sehen werde!
O Zeit, wo mich entbundne Schwingen
Von einem Stern zum andern bringen!
Gedanken! fliehet nur voran!
Verirrt euch in den weiten Sphären,
Bis ich euch selber folgen kann.
Wie lang, Geschick, wird es noch währen!
O Lust, hier seh ich schon die Kreise,
Die Wege meiner ewgen Reise!
Drum kränkt der blinde Damon sich
Nur in der Nacht um sein Gesichte.
Geruhig, Tag, vermißt er dich,
Und deine Eitelkeit im Lichte;
Und wünscht sich, von der Weltlust ferne,
Ein fühlend Aug nur für die Sterne.
O selge Zeit der stillen Nacht,
Wo Neid und Bosheit schlafend liegen,
Und nur ein frommes Auge wacht,
Und sucht am Himmel sein Vergnügen!
Gott sieht die Welt in diesen Stunden,
Und spricht, ich hab sie gut gefunden!
Berlin.
L.
Die schlafende Laura