Sara. Lieber alter Vater, ich glaube, du hast mich überredet.
Waitwell. Ach Gott! wenn ich so glücklich gewesen bin, so muß mir ein guter Geist haben reden helfen. Aber nein, Miß, meine Reden haben dabei nichts getan, als daß sie Ihnen Zeit gelassen, selbst nachzudenken und sich von einer so fröhlichen Bestürzung zu erholen.— Nicht wahr, nun werden Sie den Brief lesen? Oh! lesen Sie ihn doch gleich!
Sara. Ich will es tun, Waitwell.—Welche Bisse, welche Schmerzen werde ich fühlen!
Waitwell. Schmerzen, Miß, aber angenehme Schmerzen.
Sara. Sei still! (Sie fängt an, für sich zu lesen.)
Waitwell (beiseite). Oh! wenn er sie selbst sehen sollte!
Sara (nachdem sie einige Augenblicke gelesen). Ach, Waitwell, was für ein Vater! Er nennt meine Flucht eine Abwesenheit. Wieviel sträflicher wird sie durch dieses gelinde Wort! (Sie lieset weiter und unterbricht sich wieder.) Höre doch! er schmeichelt sich, ich würde ihn noch lieben. Er schmeichelt sich! (Lieset und unterbricht sich.) Er bittet mich—Er bittet mich? Ein Vater seine Tochter? seine strafbare Tochter? Und was bittet er mich denn?—(Lieset für sich.) Er bittet mich, seine übereilte Strenge zu vergessen und ihn mit meiner Entfernung nicht länger zu strafen. Übereilte Strenge!—Zu strafen!—(Lieset wieder und unterbricht sich.) Noch mehr! Nun dankt er mir gar, und dankt mir, daß ich ihm Gelegenheit gegeben, den ganzen Umfang der väterlichen Liebe kennenzulernen. Unselige Gelegenheit! Wenn er doch nur auch sagte, daß sie ihm zugleich den ganzen Umfang des kindlichen Ungehorsams habe kennenlernen! (Sie lieset wieder.) Nein, er sagt es nicht! Er gedenkt meines Verbrechens nicht mit einem Buchstaben. (Sie fährt weiter fort, für sich zu lesen.) Er will kommen und seine Kinder selbst zurückholen. Seine Kinder, Waitwell! Das geht über alles!—Hab ich auch recht gelesen? (Sie lieset wieder für sich.)—Ich möchte vergehen! Er sagt, derjenige verdiene nur allzuwohl sein Sohn zu sein, ohne welchen er keine Tochter haben könne. —Oh! hätte er sie nie gehabt, diese unglückliche Tochter!—Geh, Waitwell, laß mich allein! Er verlangt eine Antwort, und ich will sie sogleich machen. Frag in einer Stunde wieder nach. Ich danke dir unterdessen für deine Mühe. Du bist ein rechtschaffner Mann. Es sind wenig Diener die Freunde ihrer Herren!
Waitwell. Beschämen Sie mich nicht, Miß. Wenn alle Herren Sir Williams wären, so müßten die Diener Unmenschen sein, wenn sie nicht ihr Leben für sie lassen wollten. (Geht ab.)
Vierter Auftritt
Sara (sie setzet sich zum Schreiben nieder). Wenn man mir es vor Jahr und Tag gesagt hätte, daß ich auf einen solchen Brief würde antworten müssen! Und unter solchen Umständen!—Ja, die Feder hab ich in der Hand.—Weiß ich aber auch schon, was ich schreiben soll? Was ich denke; was ich empfinde.—Und was denkt man denn, wenn sich in einem Augenblicke tausend Gedanken durchkreuzen? Und was empfindet man denn, wenn das Herz vor lauter Empfinden in einer tiefen Betäubung liegt?— Ich muß doch schreiben—Ich führe ja die Feder nicht das erstemal. Nachdem sie mir schon so manche kleine Dienste der Höflichkeit und Freundschaft abstatten helfen, sollte mir ihre Hilfe wohl bei dem wichtigsten Dienste entstehen?—(Sie denkt ein wenig nach und schreibt darauf einige Zeilen.) Das soll der Anfang sein? Ein sehr frostiger Anfang. Und werde ich denn bei seiner Liebe anfangen wollen? Ich muß bei meinem Verbrechen anfangen. (Sie streicht aus und schreibt anders.) Daß ich mich ja nicht zu obenhin davon ausdrücke!—Das Schämen kann überall an seiner rechten Stelle sein, nur bei dem Bekenntnisse unserer Fehler nicht. Ich darf mich nicht fürchten, in Übertreibungen zu geraten, wenn ich auch schon die gräßlichsten Züge anwende.—Ach! warum muß ich nun gestört werden?