Gut! das begreif' ich! Folglich, wenn ich, ich elender Gefangener, meinem Vater den Sieg noch in die Hände spielen will, worauf kömmt es an? Aufs Sterben. Auf weiter nichts?—O fürwahr; der Mensch ist mächtiger, als er glaubt, der Mensch, der zu sterben weiß!
Aber ich? ich, der Keim, die Knospe eines Menschen, weiß ich zu sterben? Nicht der Mensch, der vollendete Mensch allein, muß es wissen; auch der Jüngling, auch der Knabe; oder er weiß gar nichts. Wer zehn Jahre gelebt hat, hat zehn Jahre Zeit gehabt, sterben zu lernen; und was man in zehn Jahren nicht lernt, das lernt man auch in zwanzig, in dreißig und mehrern nicht.
Alles, was ich werden können, muß ich durch das zeigen, was ich schon bin. Und was könnte ich, was wollte ich werden? Ein Held.—Wer ist ein Held?—O mein abwesender vortrefflicher Vater, itzt sei ganz in meiner Seele gegenwärtig!—Hast du mich nicht gelehrt, ein Held sei ein Mann, der höhere Güter kennt als das Leben? Ein Mann, der sein Leben dem Wohle des Staats geweihet; sich, den einzeln, dem Wohle vieler? Ein Held sei ein Mann—Ein Mann? Also kein Jüngling, mein Vater?—Seltsame Frage! Gut, daß sie mein Vater nicht gehöret hat! Er müßte glauben, ich sähe es gern, wenn er Nein darauf antwortete.— Wie alt muß die Fichte sein, die zum Maste dienen soll? Wie alt? Sie muß hoch genug, und muß stark genug sein.
Jedes Ding, sagte der Weltweise, der mich erzog, ist vollkommen, wenn es seinen Zweck erfüllen kann. Ich kann meinen Zweck erfüllen, ich kann zum Besten des Staats sterben: ich bin vollkommen also, ich bin ein Mann. Ein Mann, ob ich gleich noch vor wenig Tagen ein Knabe war.
Welch Feuer tobt in meinen Adern? Welche Begeisterung befällt mich?
Die Brust wird dem Herzen zu eng!—Geduld, mein Herz! Bald will ich
dir Luft machen! Bald will ich dich deines einförmigen langweiligen
Dienstes erlassen! Bald sollst du ruhen, und lange ruhen—
Wer kömmt? Es ist Parmenio.—Geschwind entschlossen!—Was muß ich zu ihm sagen? Was muß ich durch ihn meinem Vater sagen lassen?—Recht! das muß ich sagen, das muß ich sagen lassen.
Fünfter Auftritt.
Parmenio. Philotas.
Philotas. Tritt näher, Parmenio.—Nun? warum so schüchtern? So voller Scham? Wessen schämst du dich? Deiner, oder meiner?
Parmenio: Unser beider, Prinz.