„Es ist wirklich wahr, maman, ich fühle mich gesund. Aber wenn Ihr reisen wollt, so wollen wir reisen!“ sagte sie, und gab sich den Anschein, als interessiere sie sich für die bevorstehende Abreise, indem sie von den Vorbereitungen zu derselben zu sprechen begann.
2.
Bald nach der Abfahrt des Arztes kam Dolly an. Sie wußte, daß heute der Familienrat sein sollte, und trotzdem daß sie noch nicht lange aus dem Wochenbett war — sie hatte zu Ende des Winters einem Mädchen das Leben geschenkt — trotzdem, daß sie selbst schon genug Kummer und Sorgen zu tragen hatte, war sie, ihren Säugling und ein erkranktes Töchterchen daheim zurücklassend, hergekommen, um zu hören welches das Schicksal Kitys, das sich heute entschieden hatte, sein werde.
„Nun, wie steht es?“ frug sie, in den Salon tretend, ohne den Hut vom Kopfe zu nehmen. „Ihr seid alle so fröhlich. Es steht wohl gut?“
Man versuchte nur, ihr zu erzählen, was der Arzt gesagt hatte, aber es zeigte sich, daß, obwohl dieser sehr klar und lange gesprochen hatte, niemand richtig das wiederzugeben wußte, was er eigentlich gesagt hatte.
Bemerkenswert war nur das Eine dabei, daß die Reise nach dem Ausland beschlossen worden war.
Dolly seufzte unwillkürlich. Ihr bester Freund, die Schwester, reiste fort; auch ihr eigenes Leben war ja kein heiteres. Ihr Verhältnis zu Stefan Arkadjewitsch war nach jener Aussöhnung für sie ein erniedrigendes geworden. Die Neulötung des Bundes, die von Anna zustande gebracht worden war, erwies sich als nicht auf die Dauer haltbar und das eheliche Einvernehmen war an der nämlichen Stelle wieder in die Brüche gegangen.
Es lag hierfür keine bestimmt ausgesprochene Ursache vor, aber Stefan Arkadjewitsch war fast nie daheim, Geld gab es gleichfalls fast nie im Hause und der Verdacht seiner Untreue folterte Dolly beständig. Schon mehrfach hatte sie diesen Verdacht von sich gescheucht, in der Furcht vor jenem Schmerz der Eifersucht, den sie ja schon an sich erfahren hatte.
Jener erste Ausbruch von Eifersucht, den sie schon einmal durchlebt, konnte freilich nicht so wiederkehren, und selbst eine Entdeckung seiner Untreue würde jetzt nicht mehr in demselben Maße auf sie haben wirken können, als es zum erstenmale der Fall gewesen war.
Eine solche Entdeckung würde sie jetzt nur noch ihres ehelichen Umgangs beraubt haben, und sie hätte sich dann gestattet, ihn und vor allem sich verachtend, sich selbst hinwegzutäuschen über diese Schwäche.