Eine berühmte Diva sang zum zweitenmale und die gesamte große Welt war im Theater.

Als Wronskiy aus seinem Sessel in der ersten Reihe die Base wahrgenommen hatte, begab er sich zu dieser — ohne den Zwischenakt abzuwarten — nach ihrer Loge.

„Weshalb waret Ihr nicht beim Souper?“ frug ihn die Gräfin. „Ich bin doch verwundert über diesen Scharfblick der Liebenden,“ fügte sie mit einem Lächeln hinzu, so daß nur er es hören konnte, „sie war auch nicht da. — Aber Ihr kommt doch nach der Oper?“

Wronskiy blickte sie fragend an; sie senkte den Kopf und er dankte ihr mit einem Lächeln und ließ sich neben ihr nieder.

„Ah, ich entsinne mich wohl noch Eurer Galanterieen,“ fuhr die Fürstin Bezzy fort, welche ein besonderes Vergnügen in der Beobachtung der Fortschritte dieser sich entspinnenden Leidenschaft fand.

„Wohin soll das alles führen; Ihr seid in Banden, mein Lieber!“

„Ich wünschte nur das Eine, in Banden sein zu können,“ antwortete Wronskiy mit seinem ruhigen, gleichmütigen Lächeln. „Wenn ich Etwas beklage, so ist es nur dies, daß ich allzuwenig gefesselt bin. Um die Wahrheit zu gestehen, ich fange an, die Hoffnung zu verlieren.“

„Welche Hoffnung könnt Ihr denn hegen?“ sagte Bezzy, etwas pikiert von ihres Freundes Vertraulichkeit. In ihren Augen indessen spielten Reflexe, welche deutlich genug davon sprachen, daß sie recht wohl wisse — genau ebenso gut wie er selbst — welche Hoffnung er haben könne.

„Keine,“ sagte Wronskiy lachend und seine dichten Zähne zeigend. „Ich habe es mir selbst zuzuschreiben,“ fügte er hinzu, aus ihren Händen ein Opernglas nehmend und sich damit beschäftigend, über ihre entblößte Schulter hinweg die Reihe der gegenüberliegenden Logen zu mustern. „Ich fürchte, ich mache mich lächerlich.“

Er wußte recht wohl, daß er in den Augen Bezzys und aller Lebemänner nicht in Gefahr kam, lächerlich zu werden. Er wußte, daß in den Augen dieser Leute nur die Rolle eines Menschen der ein junges Mädchen oder überhaupt ein lediges Weib unglücklich liebte, lächerlich werden konnte. Die Rolle eines Mannes aber, welcher sich einer verheirateten Frau näherte und um jeden Preis sein Leben dafür einsetzte, sie zum Ehebruch zu verleiten, eine solche Rolle hat nur etwas Edles, Erhabenes und kann niemals lächerlich werden und mit stolzem und heiterem Lächeln unter den Spitzen seines Schnurrbartes ließ er das Opernglas sinken und blickte seine Base an.