„Ich bin ein schlechtes, ein verworfenes Weib,“ dachte sie, „aber ich liebe es nicht, zu lügen; ich werde die Lüge nicht ertragen — seine Stimme aber — das ist eine Lüge! — Er weiß alles und sieht alles; was jedoch kann er fühlen, wenn er so ruhig zu sprechen vermag? Wenn er mich tötet oder Wronskiy, ich würde ihn achten. Aber nein, er bedient sich lediglich der Lüge und der Etikette,“ sprach Anna zu sich selbst, ohne darüber nachzudenken, was sie eigentlich von ihrem Manne wollte und wie sie ihn zu sehen wünschte.
Sie begriff auch nicht, daß diese eigentümliche Sprechseligkeit heute bei Aleksey Aleksandrowitsch, von der sie so in Gereiztheit versetzt wurde, nur der Ausdruck seiner inneren Verwirrung und Unruhe war.
Wie ein Kind, welches gefallen ist, emporspringt und seine Muskeln in Bewegung bringt, um den Schmerz zu betäuben, so war diese geistige Gymnastik für Aleksey Aleksandrowitsch unentbehrlich, damit er jene Gedanken über seine Frau betäuben konnte, welche in ihrer Gegenwart wie in der Wronskiys, sowie angesichts der beständigen Wiederholung von dessen Namen, seine Aufmerksamkeit so in Anspruch nahmen. Und wie es bei dem Kinde natürlich ist zu springen, so mußte auch er gut und verständig reden.
„Die Gefahr ist bei den Offiziersrennen, den Kavalleristenrennen,“ sagte er, „eine unerläßliche Voraussetzung. Wenn England in seiner Militärgeschichte auf die glänzendsten Leistungen von Reitern blicken kann, so ist dies nur dem zu danken, daß es in sich selbst historisch diese Kraft, sowohl der Menschen wie der Tiere zu entwickeln verstand. Der Sport hat nach meiner Meinung eine hohe Bedeutung, wir aber sehen — wie immer, — nur die oberflächlichste Seite der Sache.“
„Nicht die oberflächliche,“ sagte die Fürstin Twerskaja, „denn ein Offizier soll zwei Rippen gebrochen haben.“
Aleksey Aleksandrowitsch lächelte mit dem ihm eigenen Lächeln, indem er nur die Zähne zeigte, ohne damit etwas zu sagen.
„Setzen wir also den Fall, Fürstin, daß es sich hierbei nicht um eine Oberflächlichkeit handelte,“ fuhr er dann fort, „so liegt doch dann etwas Innerliches vor. Doch darum handelt es sich ja nicht,“ und er wandte sich von neuem an den General, mit welchem er ernst weiter sprach, „vergeßt doch nicht, daß hier Leute vom Militärstand reiten, die sich diese Thätigkeit auserkoren haben, und gebt mir zu, daß jeder Beruf seine Kehrseite der Medaille hat. Dieser Sport gehört zu den Obliegenheiten des Militärstandes. Jener ungestalte Sport des Boxens hingegen oder der der spanischen Stiergefechte ist nur ein Zeichen von Barbarei. Der specialisierte Sport hingegen das der Fortentwickelung.“
„O nein. Ich komme nicht wieder ein zweites Mal hierher, denn dies regt mich zu sehr auf,“ rief die Fürstin Twerskaja. „Habe ich nicht recht, Anna?“
„Es regt allerdings auf, aber man kann sich nicht abschließen,“ sagte eine andere Dame. „Wäre ich eine Römerin gewesen, ich würde keine Cirkusvorstellung versäumt haben.“