„Warest du längere Zeit nicht dort?“
„Wir wollen morgen einen Ausflug in die Berge machen,“ versetzte Kity.
„Gut, fahret dann,“ antwortete die Fürstin, in das verwirrte Gesicht der Tochter schauend, und sich bemühend, den Grund ihrer Verlegenheit zu erraten.
An demselben Tag erschien Warenka zur Tafel; sie teilte mit, daß Anna Pawlowna es aufgegeben habe, morgen nach den Bergen zu fahren.
Die Fürstin bemerkte, daß Kity wiederum errötete.
„Kity, hast du etwas Unangenehmes mit den Petroffs gehabt?“ frug sie, als beide allein waren. „Weshalb schickt jene Frau ihre Kinder nicht mehr, und weshalb kommt sie selbst nicht mehr zu uns?“
Kity antwortete, daß nichts zwischen ihnen vorgefallen sei und sie entschieden nicht begreife, warum Anna Pawlowna gleichsam mißvergnügt über sie zu sein scheine.
Kity sprach damit die volle Wahrheit; sie wußte nichts von dem Grunde der Veränderung Anna Pawlownas ihr selbst gegenüber, konnte ihn aber erraten, indem sie etwas vermutete, was sie der Mutter nicht mitteilen konnte, und wovon sie selbst sich noch nicht einmal Rechenschaft gegeben hatte. Es war einer jener Umstände, die man wohl kennt, von denen man aber sich selbst nicht einmal Rechenschaft geben kann; es ist ja so entsetzlich und beschämend, einen Fehler zu begehen.
Wieder und wieder prüfte Kity im Geiste alle ihre Beziehungen zu jener Familie. Sie vergegenwärtigte sich die treuherzige Freude, die auf dem runden, gutmütigen Gesicht Anna Pawlownas bei ihren Begegnungen zum Ausdruck gekommen war: sie erinnerte sich ihrer geheim gepflogenen Unterredungen über den Kranken, der Gespräche darüber, wie man ihn von der Arbeit, die ihm untersagt war abziehen und zum Spazierengehen bringen könne; der Anhänglichkeit des jüngsten Söhnchens, welches sie „meine Kity“ zu rufen pflegte, und das ohne ihren Beistand nicht zu Bett gehen wollte. Wie war das alles so gut!