Er konnte sich nicht irren. Es gab nur ein einziges solches Augenpaar in der Welt. Es gab nur ein einziges Wesen auf der Welt, welches fähig war, die ganze Welt und den Gedanken des Daseins für ihn in sich zu vereinigen — und das war sie — es war Kity. Er erkannte, daß sie nach Jerguschowo fuhr, von der Eisenbahnstation kommend.
Alles das, was in dieser schlaflosen Nacht Lewins Seele bewegt hatte, alle jene Entschlüsse, die von ihm gefaßt worden waren, verschwanden im Nu. Mit Ekel dachte er an seinen Plan, eine Bäuerin zu heiraten. Dort allein, dort in jenem sich schnell entfernenden, auf die andere Seite des Weges hinüberbiegenden Wagen barg sich eine Möglichkeit für die Entscheidung des Rätsels, welches in der letzten Zeit sein Leben so qualvoll belastet hatte.
Sie blickte nicht mehr aus dem Wagen. Das Geräusch der Wagenfedern war verklungen, kaum die Schellen waren noch hörbar. Das Gebell von Hunden zeigte an, daß der Wagen durch das Dorf fuhr, rings um ihn blieb nur die öde Flur, das Dorf vor ihm, und er selbst einsam und allem entfremdet, einsam dahinschreitend auf der verlassenen Landstraße.
Er blickte zum Himmel empor in der Hoffnung, dort noch jene Muschelwolke zu entdecken, die er so schön gefunden, die für ihn ein Bild des ganzen Ganges seiner Gedanken und Gefühle in dieser Nacht gewesen war. An dem Himmel gewahrte er nichts mehr, was jener Muschelwolke ähnlich gewesen wäre, dort, in unerreichbarer Höhe, hatte sich bereits eine geheimnisvolle Wandlung vollzogen. Es war keine Spur der Wolke mehr vorhanden, sondern ein gleichmäßiger sich über eine ganze Hälfte des Himmels ausbreitender Teppich von flockigen Wölkchen, die sich mehr und mehr verkleinerten.
Der Himmel begann sich zu bläuen und zu schimmern; er schien mit Zärtlichkeit und doch auch voll Unerreichbarkeit seinem fragenden Blicke zu antworten.
„Nein,“ sprach Lewin zu sich selbst, „so schön dieses einfache Arbeitsleben auch wäre, ich kann mich ihm nicht ergeben. Ich liebe ja sie.“
13.
Niemand als nur diejenigen Personen, welche Aleksey Aleksandrowitsch am nächsten standen, wußte, daß dieser, dem Anscheine nach so kalte, nüchtern denkende Mensch eine Schwäche besaß, die seiner gesamten Charakteranlage widersprach. Aleksey Aleksandrowitsch konnte nicht gleichgültig Weiber oder Kinder weinen sehen und hören. Der Anblick von Thränen versetzte ihn in einen Zustand von Ratlosigkeit, in welchem er die Fähigkeit zu überlegen, vollkommen verlor.
Sein Kanzleivorsteher und der Geschäftsführer wußten dies und instruierten stets im voraus die Bittstellerinnen, sie möchten bei Leibe nicht weinen, wenn sie nicht alles verderben wollten.