Schnell trat sie wieder in das Haus, ging in ihr Kabinett, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb an ihren Gatten:
„Nach dem Vorgefallenen vermag ich nicht mehr in Eurem Hause zu bleiben. Ich reise ab und nehme meinen Sohn mit mir. Ich kenne die Gesetze nicht und weiß infolge dessen auch nicht, wem von den Eltern das Kind gehört, aber ich nehme es mit mir, weil ich ohne dasselbe nicht leben kann. Seid großmütig und laßt es mir.“ —
Bis hierher hatte Anna Karenina flüchtig und natürlich geschrieben, dieser Appell an seine Großmut aber, die sie in ihm nicht anerkannte, sowie die Notwendigkeit, den Brief mit einer rührenden Phrase zu schließen, ließen sie innehalten.
„Von meiner Schuld und meiner Reue sprechen kann ich nicht, weil“ — Wiederum hielt sie inne, weil sie keine Verbindung ihrer Gedanken fand; „nein,“ sprach sie zu sich, „gar nicht nötig,“ und das Schreiben zerreißend, schrieb sie ein anderes, welches den Appell an seine Großmut ausschloß, und siegelte es zu.
Ein zweites Schreiben war an Wronskiy zu richten.
„Ich habe meinem Gatten eine Erklärung gegeben,“ schrieb sie, lange sitzend, ohne die Kräfte zu haben, weiter zu schreiben; ihr Beginnen erschien ihr so unzart, so unweiblich. Was soll ich ihm denn nun noch schreiben? frug sie sich selbst. Wiederum bedeckte die Röte der Scham ihr Gesicht; sie vergegenwärtigte sich seine Ruhe und ein Gefühl des Verdrusses über ihn ließ sie das Blatt mit dem geschriebenen Satz in kleine Stücke zerreißen.
„Nicht nötig,“ sprach sie, schloß die Briefmappe und ging hinauf; sie teilte der Erzieherin und den Leuten mit, daß sie heute nach Moskau reisen werde und begann sogleich mit dem Packen der Sachen.
16.
In allen Zimmern der Villa liefen nun die Hausleute, die Gärtner und Lakaien, Sachen schleppend hin und wieder. Schränke und Kommoden wurden geöffnet, zweimal wurde in die Kaufläden geschickt; auf dem Boden türmte sich Zeitungspapier.