20.

Das Leben Wronskiys war insofern ein besonders glückliches zu nennen, als es einen eigenen Kodex von Gesetzen besaß, welche ihm alles bestimmt vorschrieben, was er zu thun und nicht zu thun hatte.

Der Kodex dieser Gesetze umfaßte nur einen kleinen Kreis von Grundsätzen, aber dafür waren diese Vorschriften unantastbar, und Wronskiy, der aus ihrem Kreise nie heraustrat, war nie auch nur eine Minute in Zweifel in der Erfüllung dessen, was nötig war.

Diese Gesetze bestimmten unwandelbar, daß er jenen Gauner bezahlen müsse, den Schneider nicht zu bezahlen brauche, daß man die Männer nicht zu belügen brauche, die Frauen aber belügen dürfe, daß man niemand betrügen dürfe, — höchstens den Ehemann, — daß man eine Beleidigung nicht verzeihen könne, aber beleidigen dürfe &c.

Alle diese Prinzipien konnten unvernünftig sein, schlecht, aber sie galten wandellos und in ihrer Erfüllung fühlte Wronskiy, daß er ein ruhiges Gewissen behielt und den Kopf hoch tragen dürfe.

Nur in der allerletzten Zeit begann er infolge seiner Beziehungen zu Anna zu empfinden, daß der Kodex seiner Gesetze nicht vollständig alle Verhältnisse bestimme und sich ihm für die Zukunft Schwierigkeiten und Zweifel zeigten, für die Wronskiy keinen leitenden Faden fand.

Sein jetziges Verhältnis zu Anna und deren Gatten war für ihn selbst einfach und klar. Es war klar und genau bestimmt in dem Gesetzbuch, von dem er geleitet wurde. Sie war ein ehrenhaftes Weib, das ihm ihre Liebe gegeben, und er liebte sie wieder; sie war infolge dessen für ihn ein Weib, würdig der nämlichen, ja, einer höheren Achtung noch, als wäre sie sein gesetzmäßiges Gemahl. Er hätte sich lieber die Hand abhacken lassen, als daß er sich selber erlaubt hätte, sie auch nur mit einem Worte, einer leisen Andeutung zu kränken, oder ihr diejenige Achtung nicht zu erweisen, auf welche nur ein verheiratetes Weib rechnen darf.

Seine Beziehungen zur Gesellschaft waren gleichfalls klar. Alle mochten von seinem Verhältnis wissen oder ahnen, aber keiner durfte wagen, davon zu sprechen. Im entgegengesetzten Falle würde er die Sprecher aufgefordert haben, zu schweigen und die gar nicht vorhandene Ehre der Frau zu achten, die er liebte.

Seine Beziehungen zu ihrem Gatten lagen klarer als alles sonst. Seit jener Minute, von welcher Anna Wronskiy lieb gewonnen hatte, hielt er sein Recht auf sie für unentreißbar; der Gatte war nur eine überflüssige und störende Person. Derselbe befand sich ja, ohne Zweifel, in einer beklagenswerten Lage, aber was war zu thun? Das Eine, worauf der Mann ein Recht hatte, war, Genugthuung mit der Waffe in der Hand zu fordern, — und dazu war Wronskiy vom ersten Augenblick an bereit.

Aber in der letzten Zeit hatten sich neue innere Beziehungen zwischen ihm und ihr herausgestellt, welche Wronskiy durch ihre Unbestimmtheit schreckten. Erst gestern hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie sich Mutter fühle, und er empfand, daß diese Nachricht, sowie was sie nun seinerseits erwartete, eine Handlung von ihm erfordere, welche nicht bestimmt in dem Kodex der Gesetze vorgesehen war, von denen er sich im Leben leiten ließ. Und in der That, er war nicht gewappnet und in der ersten Minute, nachdem sie ihm ihre Lage mitgeteilt hatte, riet ihm sein Herz, es sei nötig, daß sie den Ehegatten verlasse. Er hatte ihr dies auch gesagt, aber jetzt bei reiflicherer Überlegung, erkannte er klar, es würde doch besser sein, wenn sich das umgehen ließe; obwohl er, indem er sich dies sagte, die Befürchtung empfand, es möchte dennoch von Übel sein.