„Die Frage ist nur die, wie und unter welchen Bedingungen du einwilligen willst, die Ehescheidung auszuführen. Sie will nichts, sie wagt es nicht, dich zu bitten und stellt alles deinem Edelmut anheim.“
„Mein Gott! Mein Gott! Aber warum das?“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch, sich die Einzelheiten eines Ehescheidungsprozesses vergegenwärtigend, bei welchem der Gatte die Schuld auf sich nahm, und bedeckte sich mit der nämlichen Gebärde, mit welcher Wronskiy dies gethan hatte, vor Scham mit den Händen das Gesicht.
„Du bist aufgeregt, ich begreife das. Aber wenn du dir überlegst“ —
„Und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die linke dar, und wer dir den Rock genommen, dem gieb noch das Hemd,“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch. „Ja, ja,“ rief er dann mit dünner Stimme, „ich werde die Schande auf mich nehmen, selbst den Lohn will ich ihr geben, aber — ist es nicht besser, alles zu lassen wie es ist? Doch, mache was du willst“ — und sich abwendend von seinem Schwager, so daß dieser ihn nicht sehen konnte, ließ er sich auf einem Stuhl am Fenster nieder. Es war ihm bitter weh zu Mut, er empfand seine Schmach, aber zugleich mit diesem Leid und dieser Schmach fühlte er auch Freude und Beruhigung über die Erhabenheit seines Sieges über sich selbst.
Stefan Arkadjewitsch war gerührt. Er schwieg.
„Aleksey Aleksandrowitsch! glaube mir, sie schätzt deine Großmut,“ sagte er dann. „Aber offenbar war es doch Gottes Wille,“ so fügte er hinzu, empfand jedoch, als er dies sagte, daß es dumm war, und unterdrückte nur mit Mühe ein Lächeln über seine Thorheit.
Aleksey Aleksandrowitsch wollte etwas erwidern, doch die Thränen verhinderten ihn daran.
„Es ist eine unglückliche Fügung des Schicksals und man muß sich ihr unterordnen. Ich betrachte dieses Unglück als eine vollendete Thatsache und bemühe mich nur, dir und ihr beizustehen,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch fort.
Als dieser das Gemach seines Schwagers verlassen hatte, war er gerührt, aber das hinderte ihn nicht, damit zufrieden zu sein, daß er diese Angelegenheit erfolgreich erledigt hatte, da er überzeugt war, daß Aleksey Aleksandrowitsch seine Worte nicht wiederrufen würde. Zu dieser Zufriedenheit gesellte sich der Umstand, daß ihm ein Gedanke gekommen war, wie er, sobald die Sache erledigt sein würde, seinen intimsten Bekannten die Frage vorlegen wollte, „welcher Unterschied nun noch zwischen ihm und einem Feldmarschall bestehe? Nun, der Feldmarschall macht Quartier[B] und niemandem wird es wohler davon, ich habe eine Trennung bewirkt — und drei Menschen wird es dabei besser sein? Oder, welche Ähnlichkeit aber habe ich denn mit einem Feldmarschall? Nun, das will ich mir lieber noch überlegen,“ sagte er lächelnd zu sich selbst.