Die verschiedenartigsten Vermutungen, worüber er wohl mit ihr könnte sprechen wollen, gingen ihr durch den Kopf. „Er wird mich einladen, mit den Kindern zu ihm auf Besuch zu kommen, und ich werde ihm abschläglich antworten müssen: Oder soll ich in Moskau einen Kreis für Anna schaffen, oder will er über Wasjenka Wjeslowskiy und dessen Beziehungen zu Anna reden? Vielleicht auch von Kity, oder davon, daß er sich schuldig fühlt?“ Sie sah nur Unangenehmes, erriet aber nicht, wovon er mit ihr mochte reden wollen.

„Ihr habt so großen Einfluß auf Anna, sie liebt Euch so,“ sagte er, „helft mir doch!“

Darja Aleksandrowna schaute fragend und schüchtern auf sein energisches Gesicht, welches bald ganz, bald stellenweis in das Licht der Sonne trat, das bald den Schatten der Linden durchdrang, bald vom Schatten wieder verdunkelt wurde, und wartete auf das, was er weiter sagen würde; doch er schritt, mit dem Spazierstock in den Kies bohrend, schweigend neben ihr hin.

„Wenn Ihr zu uns gekommen seid, Ihr, die einzige Frau unter den früheren Freundinnen Annas — die Fürstin Barbara rechne ich nicht — so verstehe ich darin, daß Ihr dies nicht gethan habt, weil Ihr etwa unser Verhältnis für ein normales haltet, sondern weil Ihr, die ganze Schwierigkeit dieses Verhältnisses begreifend, sie noch immer ebenso liebt und ihr helfen wollt. Habe ich Euch so richtig aufgefaßt?“ frug er, sie anschauend.

„O ja,“ antwortete Darja Aleksandrowna, ihren Sonnenschirm schließend, „doch“ —

— „Nein,“ unterbrach er sie, und blieb stehen, unwillkürlich, und vergessend, daß er hierdurch Darja Aleksandrowna in eine peinliche Situation versetzte, indem diese genötigt war, gleichfalls stehen zu bleiben. „Niemand empfindet mehr und stärker als ich die ganze Schwierigkeit der Lage Annas, und dies ist begreiflich, wenn Ihr mir die Ehre erweist, mich für einen Menschen zu halten, der Herz besitzt, ‚ich bin die Ursache dieser Lage und deshalb fühle ich sie.‘“

„Ich verstehe,“ sagte Darja Aleksandrowna, unwillkürlich freundlich werdend, als er dies so aufrichtig und bestimmt aussprach, „aber eben deswegen, weil Ihr Euch als die Ursache fühlt, übertreibt Ihr, wie ich fürchte,“ sagte sie, „Annas Lage ist eine schwierige in der Welt, ich verstehe wohl.“

„In der Welt ist sie eine Hölle,“ fuhr er hastig fort, das Gesicht in finstre Falten legend, „man kann sich keine schlimmeren moralischen Qualen vorstellen, als die, welche sie in jenen vierzehn Tagen in Petersburg durchlebt hat. Ich bitte Euch darum, das zu glauben.“

„Aber hier, bis jetzt, so lange weder Anna, noch Ihr ein Bedürfnis nach der Welt empfindet“ —