Darja Aleksandrowna bemerkte, daß er an dieser Stelle seiner Erklärung den Faden verlor; sie verstand diese Abschweifung nicht recht und fühlte, daß er jetzt, nachdem er einmal über seine Herzensangelegenheiten, über die er mit Anna nicht reden konnte, zu sprechen angefangen hatte, alles aussprach, und daß sich die Frage seiner Beschäftigung auf dem Lande in der nämlichen Abteilung seiner innersten Gedanken befand, in welcher auch die Frage über seine Beziehungen zu Anna war.
„Indessen, ich fahre fort,“ sagte er, wieder auf den rechten Weg kommend, „das Wichtigste ist, daß ich beim Arbeiten die Überzeugung hegen muß — daß das von mir Geleistete nicht mit mir sterben wird, daß ich Erben haben werde, — und dies ist bei mir nicht der Fall! Stellt Euch selbst die Situation eines Menschen vor, welcher im voraus weiß, daß seine und seines von ihm geliebten Weibes Kinder nicht sein eigen werden, sondern jemandes, der sie haßt und sie gar nicht kennen will. — Das ist doch furchtbar!“
Er verstummte augenscheinlich in starker Erregung.
„Ja, natürlich; ich begreife das. Aber was kann Anna thun?“ frug Darja Aleksandrowna.
„Dies eben führt mich auf den Zweck meiner Aussprache,“ sagte er, sich gewaltsam bezwingend, „Anna kann Etwas thun; es hängt von ihr ab. Selbst zu dem Gesuch an den Zaren um Adoptierung, ist die Ehescheidung unumgänglich erforderlich. Und diese hängt von Anna ab; ihr Gatte war mit der Scheidung einverstanden — Euer Gatte hatte dies damals vollkommen arrangiert, und auch jetzt noch, ich weiß es, würde er sich nicht weigern. Es käme nur darauf an, daß man ihm schriebe. Er hat damals offen geantwortet, daß er sich, wenn sie diesen Wunsch aussprechen sollte, nicht weigern würde. Natürlich,“ sagte er finster, „ist dies nur eine jener Pharisäerhärten, deren allein Leute ohne Herz fähig sind. Er weiß, welche Qual ihr jede Erinnerung an ihn kostet, und fordert, da er es weiß, von ihr einen Brief. Ich begreife, daß ihr das qualvoll sein muß, aber die Ursachen sind so wichtig, daß es heißt passer par-dessus toutes ces finesses de sentiment. Il y va du bonheur et de l'existence d'Anne et de ses enfants. Ich spreche nicht von mir, obwohl es mir schwer, sehr schwer wird,“ sagte er mit dem Ausdruck einer Drohung gegen jemand, der es ihm so schwer machte. „Und so klammere ich mich denn ohne Bedenken an Euch, Fürstin, wie an einen Rettungsanker. Helft mir, sie zu überreden, daß sie ihm schreibt und die Scheidung fordert.“
„Ja, natürlich,“ sagte Darja Aleksandrowna, sich lebhaft ihres letzten Zusammenseins mit Aleksey Aleksandrowitsch erinnernd, „ja versteht sich,“ wiederholte sie entschlossen, mit dem Gedanken an Anna.
„Macht von Eurem Einfluß auf sie Gebrauch und bewirkt, daß sie schreibt. Ich will und kann nicht darüber mit ihr reden.“
„Gut, ich werde mit ihr sprechen. Aber sie selbst sollte gar nicht hieran denken?“ sagte Darja Aleksandrowna, der plötzlich hierbei die seltsame neue Gewohnheit Annas, zu zwinkern, einfiel. Sie dachte wieder daran, daß Anna gerade da, als die Frage auf die Seiten ihres Lebens, die ihr Herz berührten, kam, mit den Augen zwinkerte. „Gerade als ob sie über ihr Leben zwinkerte, um es nicht zu sehen,“ dachte Dolly. „Ohne Zweifel muß ich im eigenen Interesse und in ihrem mit ihr sprechen,“ antwortete sie auf den Ausdruck seiner Dankbarkeit hin.
Sie erhoben sich und schritten dem Hause zu.