„Warum ist mir der Verstand gegeben, wenn ich ihn nicht dazu anwenden soll, keine Unglücklichen in die Welt zu setzen?“ Sie blickte Dolly an, fuhr aber ohne eine Antwort abzuwarten fort: „Ich würde mich immerdar vor diesen unglücklichen Kindern schuldig fühlen,“ sagte sie. „Wenn sie nicht da sind, sind sie wenigstens nicht unglücklich, während, wenn sie unglücklich sind, ich allein daran Schuld trage.“
Es waren dies die nämlichen Beweisgründe, welche Darja Aleksandrowna auch für sich selbst beigebracht hatte; aber jetzt hörte sie dieselben, ohne sie zu verstehen. „Wie kann man vor Geschöpfen schuldig sein, die nicht existieren?“ dachte sie bei sich, und plötzlich kam ihr in den Sinn, ob es wohl unter Umständen für ihren Liebling Grischa besser gewesen wäre, wenn er nicht lebte? Dies aber erschien ihr so wunderlich, so seltsam, daß sie den Kopf wiegte, um dieses Wirrsal kreisender, wahnwitziger Gedanken zu zerstreuen.
„Nein, ich weiß nicht, das ist nicht gut,“ sagte sie mit einem Ausdruck von Ekel auf den Zügen.
„Ja, ja, aber du darfst nicht vergessen, was du bist und was ich bin — und außerdem,“ fügte Anna hinzu, ungeachtet der Fülle ihrer eigenen Beweisgründe und der Armut derjenigen bei Dolly, gleichsam anerkennend, daß jenes nicht moralisch sei, „vergiß nicht die Hauptsache, daß ich mich jetzt nicht in der Situation befinde, in welcher du bist. Für dich ist einfach die Frage vorhanden, ob du keine Kinder mehr zu haben wünschst; für mich hingegen, ob ich sie zu haben wünsche. Darin liegt ein großer Unterschied. Du begreifst, daß ich in meiner Lage dies nicht wünschen kann.“
Darja Aleksandrowna erwiderte nichts. Sie empfand plötzlich, daß sie schon so weit von Anna entfernt stehe, daß es zwischen ihnen Fragen gab, in welchen sie nie mehr übereinkommen konnten, und von denen nicht zu sprechen besser war.
24.
„Aber umsomehr wirst du daher deine Verhältnisse ordnen müssen, wenn es möglich ist,“ sagte Dolly.
„Ja, wenn es möglich ist,“ versetzte Anna mit plötzlich veränderter, gedämpfter und trauriger Stimme.
„Ist denn die Ehescheidung unmöglich? Man hat mir gesagt, daß dein Mann damit einverstanden ist.“
„Dolly! Ich mag nicht davon sprechen.“