„Soll ich ‚Safe and Happy‘ oder ‚Under the Wing‘ lesen?“ sprach sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf.

Die Ausführung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf welchem der Glaube erworben wird und jenes Glück, welches höher ist, als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfüllt. Der Gläubige kann nicht unglücklich sein, weil er nicht allein ist. „Da seht Ihr.“ Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat.

„Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! — Ja,“ sprach sie, die Stelle in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren nachdenklichen schönen Augen vor sich hinblickend. „So wirkt der wahre Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglück? Sie verlor ihr einziges Kind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand diesen Freund und dankt jetzt Gott für den Tod ihres Kindes. Dies ist das Glück, welches der Glaube verleiht!“

„Ja, ja, das ist viel“ — sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit, daß man las und ihm so Gelegenheit geben würde, ein klein wenig zur Überlegung zu kommen. „Es ist doch offenbar am besten heute nicht um etwas zu bitten,“ dachte er, „könnte man nur, ohne etwas zu verderben, von hier fortkommen.“

„Es wird Euch langweilig werden,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, sich an Landau wendend, „Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.“

„O, ich verstehe schon,“ sagte Landau mit dem nämlichen Lächeln und schloß die Augen.

Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll an und die Lektüre begann.

22.

Stefan Arkadjewitsch fühlte sich vollkommen verblüfft von den neuen, ihm fremdartigen Gesprächen, die er vernahm. Das Getriebe des Petersburger Lebens wirkte im allgemeinen anregend auf ihn ein, indem es ihn aus dem stagnierenden Moskauer Sumpfe herausbrachte, aber er liebte und verstand dieses Getriebe nur in den ihm nahestehenden und bekannten Kreisen — in dieser fremdartigen Umgebung hier wurde er verlegen, konnte er nicht alles verstehen. Indem er der Gräfin Lydia Iwanowna zuhörte, und die auf ihn gerichteten schönen, naiven oder verschlagenen Augen Landaus — er wußte es selbst nicht — sah, begann Stefan Arkadjewitsch eine gewisse eigenartige Schwere im Kopfe zu empfinden.

Die verschiedenartigsten Gedanken gingen in seinem Kopfe durcheinander. Mary Sanina freut sich, daß ihr Kind gestorben ist — es wäre recht angenehm, könnte man jetzt ein wenig rauchen — um sein Seelenheil zu retten, ist nur nötig, daß man glaubt, und die Mönche wissen nicht, wie man das machen muß, wohl aber die Gräfin Lydia Iwanowna kennt das — woher nur das schwere Gefühl in dem Kopfe? Von dem Cognac oder davon, daß das da alles so sehr seltsam ist? Ich glaube doch wohl bis jetzt nichts Anstößiges begangen zu haben; und doch kann ich sie nicht mehr bitten. Man sagt, sie veranlaßt einen zum Beten; als ob sie mich nicht dazu veranlaßt hätten? Das wird doch gar zu dumm. Und welchen Unsinn sie da liest, sie spricht aber gut aus. Landau — Bessuboff — weshalb heißt er Bessuboff? Plötzlich fühlte Stefan Arkadjewitsch, wie seine Kinnlade unwiderstehlich sich zum Gähnen auszurenken begann. Er strich sich seinen Backenbart, indem er das Gähnen verbarg und schüttelte sich, fühlte aber dann, daß er bereits schlafe und schon zu schnarchen anfange. Er erwachte in dem nämlichen Moment, als die Stimme der Gräfin Lydia Iwanowna sprach „er schläft“.