Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich immer im gleichen Zustand. Das Gefühl des Wunsches, er möchte sterben, hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja Nikolajewna, wie Lewin und Kity.

Allein der Kranke drückte dieses Gefühl nicht aus, sondern eiferte im Gegenteil darüber, daß man den Arzt nicht schaffe, und fuhr fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den gezählten Minuten, in denen das Opium ihn für einen Augenblick die ununterbrochenen Leiden vergessen ließ, sprach er im Halbschlaf bisweilen aus, was mächtiger als bei allen anderen, in seiner Seele ruhte: „O, wenn doch ein Ende käme“, oder „wann wird das vorüber sein“.

Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht gelitten hätte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich selbst vergessen hätte, keine Stelle, kein Glied seines Körpers, welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert hätte. Selbst die Erinnerung, die Eindrücke und die Gedanken über diesen Körper erregten in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Körper selbst. Der Anblick der übrigen Menschen, ihre Gespräche, ihre eigenen Erinnerungen, alles das war für ihn nur peinlich. Seine Umgebung empfand dies, und gestattete sich daher wie unbewußt in seiner Nähe weder eine freie Bewegung, noch Gespräche oder Äußerungen von Wünschen. Sein ganzes Leben zerfloß in das eine Gefühl des Leidens, und des Wunsches, hiervon erlöst zu sein.

Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf den Tod wie auf eine Erfüllung seiner Wünsche, wie auf ein Glück blicken lassen mußte, vollendet. Früher war jedem besonderen Wunsche, hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Müdigkeit, Durst, schon ein Zurechtrücken des Körpers, welches ihm Befriedigung gewährte, genügt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wünsche in dem einen zusammen — dem Wunsche, erlöst zu sein von all den Qualen und von der Quelle derselben — dem Körper.

Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte, und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner Gewohnheit die Befriedigung der Wünsche, die schon nicht mehr erfüllt werden konnten.

„Legt mich auf die andere Seite,“ sagte er und verlangte gleich darauf, daß man ihn wieder lege, wie vorher. „Gebt mir Bouillon! Schafft sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so!“ Sobald man aber angefangen hatte, zu sprechen, schloß er die Augen, und drückte Ermattung, Gleichgültigkeit und Widerwillen aus.

Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen.

Der Arzt erklärte, daß das Unwohlsein von Ermüdung und Aufregung herrühre und empfahl geistige Ruhe.

Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewöhnlich, mit einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat und lächelte verächtlich, als sie sagte, daß sie unwohl sei. An diesem Tage schneuzte er sich unaufhörlich und stöhnte kläglich.

„Wie fühlt Ihr Euch?“ frug sie ihn.