Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg besaß er keinen einzigen Menschen, dem er alles hätte anvertrauen können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte, sondern einfach den leidenden Menschen — nein, nirgends hatte er einen solchen Menschen.
Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die beiden.
Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey Aleksandrowitschs hier gestorben.
Während er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas, eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklären oder die Stadt verlassen mußte. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es gab damals ebenso viel Gründe für diesen Schritt, wie gegen denselben, und es gab keinen entscheidenden Anlaß, der ihn bewogen hätte, seinen Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ändern. Die Tante Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen geben lassen, daß er das junge Mädchen bereits kompromittiert habe und die Rücksicht auf seine Ehre ihn zwingen müsse, einen Antrag zu machen. Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefühl, dessen er fähig war.
Jene Anhänglichkeit, die er für Anna empfand, schloß in seiner Seele auch die letzten Voraussetzungen für eine Unterhaltung herzlicher Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besaß er unter allen seinen Bekannten keinen Vertrauten. Er besaß wohl viel von dem, was man Verbindungen nennt, Freundschaftsverhältnisse aber hatte er nicht. Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig über die Thätigkeit anderer Männer und der höchsten Regierungsstelle äußern konnte — aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus dem es unmöglich war, herauszutreten. Es war da ein Universitätsfreund, welchem er sich später wieder genähert hatte, und mit dem er über sein persönliches Leid hätte sprechen können, aber dieser Kamerad war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen, welche in Petersburg waren, standen ihm am nächsten und waren noch die denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt.
Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verständiger, guter und moralischer Mensch, und in ihm verspürte Aleksey Aleksandrowitsch eine persönliche Neigung für sich, aber ihre fünfjährige amtliche Thätigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke für seelische Beziehungen aufgerichtet.
Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend, schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte mehrmals zu sprechen, ohne daß er es vermochte. Er hatte schon den Satz vorbereitet „habt ihr von meinem Unglück gehört?“ Aber er vollendete damit, daß er, wie gewöhnlich sagte, „macht mir das also fertig,“ womit er ihn entließ.
Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich gesinnt für ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem ein schweigendes Einverständnis darüber, daß sie beide mit Geschäften überhäuft wären, und sich beeilen müßten.
An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervösesten unter ihnen, die Gräfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht. Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich.